Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

Britische Österreichpolitik 1919 265 depends upon whether the Government decide upon a definite policy to be pursued in connection with the remains of the Hapsburg Empire or whether we continue to follow a policy of drift which is tending toward bolshevism in German Austria“ 47), verlief auch dieser Vorstoß im Sande. Die Durchsetzung einer aktiven britischen Friedensstrategie im Donau­raum wurde im April 1919 nicht nur durch die allgemeine Bolschewismus­furcht, sondern auch durch das noch immer ungelöste Problem der deut­schen Reparationsleistungen blockiert. Dabei wandte sich die Treasury strikt gegen eine Erhöhung der Relief- und Reconstructionlieferungen, solange diese nicht in den Rahmen eines internationalen Programms un­ter Einbeziehung der Vereinigten Staaten eingebettet würden48). Keynes versuchte, diesen Teufelskreis Mitte April 1919 mit Hilfe Austen Chamber­lains, des Chancellor of the Exchequer (Finanzminister), zu durchbrechen. In einem Memorandum an den Obersten Rat der Friedenskonferenz wur­de von ihm die Auflage einer internationalen Anleihe von ca 1,5 Milliar­den Pfund Sterling, basierend auf deutschen, österreichischen, ungarischen und bulgarischen Regierungsobligationen vorgeschlagen, die zu 80% zu Reparationszahlungen und zu 20% zu Wiederaufbauzwecken verwendet werden sollten 49 *). Keynes konstatierte eine tiefgreifende Gefährdung des kapitalistischen Wirtschaftssystems im allgemeinen („... the economic me­chanism of Europe is jammed“) und wies indirekt auch auf die Lage in Österreich und Ungarn hin: „The other enemy countries [außer Deutschland] are at a complete economic standstill and there is at present no plan whatever for dealing with them or for preserving their social und economic organisation from disruption and decay“ **). Da sich die Amerikaner aber weigerten, die langfristigen und schwer­wiegenden Verpflichtungen zu übernehmen, die Keynes’ Plan den Verei­nigten Staaten zugedacht hatte, wurde auch dieses Konzept eines Sieger und Besiegte umfassenden Wiederaufbaus der europäischen Wirtschaft nach kurzer Diskussion zu den Akten gelegt. Auf britischer Seite mußte damit aber vorläufig auch die Hoffnung begraben werden, das österrei­chische Wirtschafts- und Finanzproblem einer Internationalisierung zu­führen zu können. Die Friedenskonferenz beschränkte sich darauf, die wirtschaftlichen Folgen der Liquidierung des österreichisch-ungarischen richts des britischen Delegierten bei der „Interallied Relief Administration Mission“ in Triest, in dem der auf den Donauraum orientierte Standpunkt Wiener Finanzkreise propagiert und die Entsendung eines „responsible Repre­sentative of the Government“ sowie die Entsendung von Truppen gefordert wurde. Bericht C. K. Butlers: ebenda. 47) Notiz Hardinges, 1919 April 12: ebenda. 48) Vgl. Recker England und der Donauraum 95—98. 49) John Maynard Keynes’ Scheme for the Rehabilitation of European Credit and for Financing Relief and Reconstruction, 1919 April: Activities 1914—1919 429—436. so) Ebenda 432.

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