Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

HOFFMANN, Robert: Die wirtschaftlichen Grundlagen der britischen Österreichpolitik 1919

266 Robert Hoffmann Staatswesens einer vertraglichen Regelung zu unterziehen. Überlegungen über die wirtschaftlichen Probleme Neu-Österreichs konnten dabei gewiß nicht ausgeschaltet werden; die Erörterung der Lebensfähigkeit des neuen Staates trat allerdings gegenüber der Diskussion der rechtlichen Konse­quenzen der Auflösung der Habsburgermonarchie weitgehend in den Hin­tergrund. Seit der ersten Sitzung des verkleinerten Spitzengremiums der Friedens­konferenz, des Viererrates, am 24. März, waren die beiden Fragen der Rechtsnachfolge Österreich-Ungarns (und damit der Schadensverantwort­lichkeit) sowie der Reparationen auf das engste miteinander verbunden 51). Orlando betonte in dieser Sitzung die Verantwortung aller aus der frühe­ren Monarchie hervorgegangenen Staaten für die den Alliierten zugefüg­ten Kriegsschäden 52) und fand in dieser Angelegenheit am 3. April auch die Unterstützung Lloyd Georges53). Wurde bis dahin die Frage der „österreichisch-ungarischen“ Reparationen nur nebenbei gestreift, so lie­ßen Lloyd George und Orlando in der Sitzung vom 18. April keinen Zwei­fel an ihrer Absicht, möglichst alle Nachfolgestaaten zu Reparationslei­stungen heranzuziehen 54). Das britische und italienische Interesse trafen sich im Bestreben, durch eine Erweiterung der Rechtsnachfolge über die eigentlichen Feindstaaten Österreich und Ungarn hinaus, einen realisti­schen Anspruch auf Reparationsleistungen konstruieren zu können. Der Vorschlag Orlandos, die Schuldverpflichtung unter den Nachfolgestaaten entweder nach ihrem Reichtum oder nach ihrer Bevölkerungszahl aufzu­teilen, wurde schließlich widerspruchslos angenommen 55 *). Hatte man sich damit hinsichtlich der Reparationsbestimmungen praktisch auf eine Rechts­nachfolge aller territorialen Erben Österreich-Ungarns geeinigt, so stand die eigentliche Diskussion über die Rechtskontinuität zwischen Alt- und Neuösterreich noch aus 5e). In britischer Sicht war aber vorerst wenigstens ein Ziel erreicht worden: Nicht allein das finanziell bankrotte Österreich, sondern auch die teilweise nach Frankreich orientierten Nachfolgestaaten sollten zur Zahlung von Reparationen herangezogen werden, denn, nach der Ansicht von Lloyd George, „their only share in the war had been to fight against us“ 57). 51) Vgl. Hanns Haas Österreich-Ungarn als Friedensproblem. Aspekte der Friedensregelung auf dem Gebiet der Habsburgermonarchie in den Jahren 1918—1919 (phil. Diss. Salzburg 1968) 87—90. 52) Conseil des Quatre, 1919 März 24: Mantoux Les délibérations 1 17. 53) Conseil des Quatre, 1919 April 3: ebenda 127. 53) Conseil des Quatre, 1919 April 18: ebenda 275. 55) Council of Four, 1919 April 23: FR, PPC 5 (1946) 163 f. 5«) Vgl. Haas Österreich-Ungarn als Friedensproblem 90 f. 52) Council of Four, 1919 Mai 10: FR, PPC 5 562. Balfour hatte übrigens auf Anregung der Treasury schon im Februar den Rat der Zehn dazu veran­laßt, alle Nachfolgestaaten zur Zahlung der mit 1. März fälligen Coupons der österreichisch-ungarischen Staatsschuld aufzufordern: Council of Ten, 1919 Fe­bruar 24: FR, PPC 4 100 f, 119.

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