Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 30. (1977)

LILLA, Joachim: Innen- und außenpolitische Aspekte der austropolnischen Lösung 1914–1916

Austropolnische Lösung 1914—1916 229 zum Jahre 1918 das österreichisch-ungarische Kriegsziel in Polen geblie­ben und verdient daher eine eingehendere Betrachtung. Ausgehend von der Tatsache, „daß die deutsche Regierung sich akademisch mit dem Ge­danken befaßt, falls unseren Truppen der Sieg gegen Rußland geschenkt wird, ein selbständiges Königreich Polen und einen ukrainischen Staat als Pufferstaaten gegen Rußland zu errichten“, weist Berchtold darauf hin, „daß es allenfalls für Preußen durch eine sehr energisch betriebene An­siedlungspolitik in der Zukunft möglich sein wird, die von Polen bewohn­ten preußischen Gebiete zu behalten und eine gefährliche polnische Irre­denta daselbst zu unterdrücken“. Im Gegensatz zur preußischen Polen­politik wäre es für Österreich unmöglich, den Abfall Galiziens an einen künftigen polnischen Staat zu verhindern. Die Ursachen hierfür sieht Berchtold in den völlig verschiedenen politischen und administrativen Verhältnissen in der Provinz Posen und im Königreich Galizien. Posen ist eine preußische Provinz, dort ist „die Verwaltung eine deutsche“ und „die Polen [haben] fast keine politischen Machtmittel in Händen“. In Galizien hingegen seien die Polen der bestimmende politische Faktor. „Es ist jedem, der mit den Verhältnissen in Galizien vertraut ist, klar, daß die Vereinigung West-Galiziens mit dem Königreiche Polen nicht mehr aufgehalten werden könnte, sobald die russische Herrschaft im früheren Königreich Polen aufhört zu existieren.“ Daher sieht Berchtold die einzige Möglichkeit für Österreich-Ungarn in einem Anschluß Polens an die Monarchie, der darüber hinaus auch dem Deutschen Reich mittel­bare Vorteile verschaffe: 1. Stärkung des deutschen Elements in Österreich bei „Ausscheiden der Polen aus dem österreichischen Verwaltungsgebiete“ 20) im Sinne einer deutschen be­ziehungsweise ungarischen Hegemonialstellung in beiden Reichshälften; 2. sichere Garantien gegen mögliche polnische Aspirationen auf preußisches Ge­biet; 3. der „schwache und zu Intrigen hinneigende Nationalcharakter der Polen“ wäre im Falle polnischer Souveränität gegenüber „verlockendsten Anerbietun­gen“ Rußlands und Frankreichs sehr aufgeschlossen: „Es würde sich dasselbe Ränkespiel wiederholen, das im 18. Jahrhundert zur Teilung Polens führte“; 4. die Loyalität der galizischen Polen gegenüber der Monarchie21), die trotz der Praktiken preußischer Polenpolitik der auswärtigen Bündnispolitik der Mo­narchie zugestimmt und sich stets gegen panslawistische Tendenzen anderer Nationalitäten ausgesprochen hätten. Berchtold faßt zusammen: „Vom deutschen Standpunkte wäre die Grün­dung eines unabhängigen polnischen Staatswesens daher viel gefährli­cher als die Vergrößerung der österreichisch-ungarischen Monarchie durch den Anschluß Polens an dieselbe.“ Dem Schreiben beigefügt war der Ent­wurf einer Proklamation Kaiser Franz Josephs, die nach den Vorstellun­20) Die Art des Anschlusses wird noch „Gegenstand von Verhandlungen zwischen mir und allen anderen maßgeblichen Faktoren zu bilden haben“. Berchtold persönlich scheint aber eine trialistische Lösung zu befürworten. 21) Vgl. Anm. 26.

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