Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)
SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen
Leibniz als Herausgeber historischer Quellen 141 Accessiones historicae betont, sehr unzuverlässig; die Druckfehler sind handgreiflich. Daß sich Leibniz angesichts der begrenzten Möglichkeiten nicht im Sinne seiner Editionsprinzipien für die Qualität entschied, die er von sich und von anderen verlangte, sondern für die Quantität, hat die Mängel seiner Editionen verschuldet. Das Pläne schmiedende und weit ausgreifende Enzyklopädistenzeitalter, in Leibniz personifizierbar, forderte hier wie auf anderen Gebieten seinen Tribut. Es wurde alles Mögliche in großen Dimensionen und gründlich begonnen und vieles blieb bis heute in Nachlässen liegen. Die umfangreichen Editionsprojekte eines Leibniz hätten sich nur durch ein wissenschaftliches Institut verwirklichen lassen. Die nach Leibniz’ Vorschlägen 1700 gegründete Berliner Akademie entwickelte sich zu seinen Lebzeiten relativ schlecht9e). Das von Paullini angeregte Collegium Imperiale Historicum, das der großangelegten Quellenedition im Reich dienen sollte, förderte Leibniz zwar, doch trat er ihm nicht bei; es verlief sich schließlich ohne große Leistungen 96 97). V Das Schicksal des Herausgebers Leibniz fällt weitgehend mit dem des Historikers zusammen. Die Fülle des Stoffes, die umfassende Ambition und die geforderte Genauigkeit waren einander nicht verträglich. Die Absichten teilte Leibniz mit manchem gelehrten Zeitgenossen. Aber selbst das Genie hatte seine deutlichen Grenzen: Als Editor historischer Quellen war Leibniz nicht ein anregender Neuerer, sondern nur ein bekannter Polyhistor, der durch das Gewicht seines Namens einer Zeittendenz auch in Deutschland Vorschub leistete: durch strenge Anforderungen, durch eine eifrige Sammlertätigkeit, durch einen dem Umfang und Inhalt des Edierten nach großen, der Qualität nach maßvollen Erfolg. Das Urteil kann deshalb nur begrenzt positiv lauten. Der Wille war vorhanden, nicht die Kraft zur Ausführung. Das Ziel und die Kraft, kritische Ausgaben größeren Ausmaßes zu veranstalten, fielen erst im 19. Jahrhundert fruchtbar zusammen. Allerdings hatten sich die Bedingungen geändert. Nicht mehr der Universalgelehrte, sondern der Fachhistoriker arbeitete an der Ausgabe: an einem Werk vieler Fachgelehrter, das von Akademien institutionell getragen wurde. Auch war eine andere Grundtendenz vorhanden als im ausgehenden 17. Jahrhundert. Man brauchte und wollte den geschichtlichen Stoff des Mittelalters für die ideologische Begründung und Verschönerung eines neuen deutschen Reiches, während aus der 96) Adolph von H a r n a c k Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1 (Berlin 1900). #7) Vgl. LSB 1/5■—8 Register s. v. „Collegium Historicum Imperiale“; W e- g e 1 e Historiographie 598 ff.