Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen

140 Alfred Schröcker wichtige Stellen beschränkte, entstand dennoch z. B. bei einer bedeutenden Quelle wie Helmolds Slavenchronik in den Scriptores rerum Brunsvicen- sium 89) entsprechend der Überlieferung ein relativ komplizierter Appa­rat. Leibniz legte die Kornersche Handschrift in Lüneburg zugrunde und notierte dazu mit vier Siegels die wichtigen Abweichungen anderer Hand­schriften und Herausgeber, unter denen vor allem Reineck und Bangert eine Rolle spielen. Selbstverständlich war auch, daß Leibniz angab, was nicht gelesen werden konnte90). Beigefügte knappe Erläuterungen be­treffen gewöhnlich schwer zu lesende Orts- und Personennamen. Leibniz’ Editionstätigkeit zielte auf zuverlässige Quellenausgaben, die man annähernd kritisch nennen könnte. Aber seine Ausgaben blieben hinter dem gesteckten Ziel zurück. Selbst die Neuausgaben und gar das Glanzstück des „Ditmarus restitutus“ weisen nach wie vor erhebliche Feh­ler und teilweise sogar Verschlechterungen gegenüber früheren Ausgaben auf91). So einfach lagen also die Dinge nicht, wie Leibniz Anfang 1693 die Arbeit an seinem Codex juris gentium diplomaticus propagierte: ,, ... die Dinge sind da, ich gebe sie nur dem Drucker, und alles was ich tue ist, daß ich sie ein paarmal lese wegen Distinktion, Korrektion, Rubrizierung und dergleichen“ 92). Der Mißerfolg hatte verschiedene Gründe. Leibniz widmete lediglich einen Teil seiner verfügbaren Zeit den historischen Quellenausgaben 93). Deshalb konnte er die Erstellung der vielen umfang­reichen Texte nur begrenzt persönlich überwachen. Die Schreiber und Kopisten waren sehr unterschiedlich befähigt und gaben sich außerdem oft wenig Mühe, wenn Leibniz eine seiner zahlreichen Reisen unternahm. Die außerordentlich wichtige Kollationierung wurde gegen Lohn den Schreibern überlassen, welche die Abschrift angefertigt hatten94). Außer­dem stand abgesehen von zwei oder drei tüchtigen Sekretären kein fester Mitarbeiterstab und erst recht kein Institut zur Verfügung. Wissen­schaftsorganisatorisch gesehen war Leibniz gegenüber der kollektiven Ar­beit der Bollandisten und besonders der Mauriner ein hoffnungsloser Ein­zelgänger 95). Schließlich waren die Setzer, wie das Vorwort zu den 80) 2 nn. 45 und 46. »") 2 nn. 9—10. 91) Ausführlich Eckert Leibniz’ Scriptores 57 ff mit Einzelnachweisen. Eine Druckanweisung für Thietmar: LBr 956 fol. 15—17 und 20. 92) Leibniz an Otto Mencke, 1693 Februar 22: LSB 1/9 n. 177; ähnlich 1/9 n. 222. 9S) Vgl. Müller — Krönert Leben und Werk 126 ff ab 1694. 94) Eckert Leibniz’ Scriptores 100 f. 95) Über Bollandisten bzw. Mauriner siehe oben Anm. 22 und F u e t e r Historiographie 312. Seit Neujahr 1691 erhielt Leibniz 150 Reichstaler für einen Assistenten; beim Tode 1716 hatte er einen Historiographen (Eckhart), einen Kupferstecher, einen Buchbinder, zwei Schreiber als festbesoldetes Personal (Reese Die Rolle der Historie 133). Ein tüchtiger, aber unzuverlässiger Helfer, Joachim Friedrich Feiler, verließ Leibniz 1696 samt Materialien und Briefen (vgl. die Publikationen: R a v i e r nn. 329—330, 336, 337 von 1717 und 1718).

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