Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen

Leibniz als Herausgeber historischer Quellen 139 Jahrzehnt vor Leibniz’ erster Quellenpublikation grundsätzliche Fragen der Diplomatik und Paläographie erörtert 82). Im sächsischen Bereich hat­te bereits der 1680 verstorbene Johann Joachim Mader verschiedene Hand­schriften der Chronik des Martin von Troppau kollationiert. Die Arbeit Maders und diejenige des Caspar Sagittarius benützte Leibniz83). Auch Editionen Heinrich Meiboms des Jüngeren waren schon ein halbes Jahr­zehnt vor Leibniz’ Codex greifbar 84). Besonders in der Gestalt seiner Edition folgt Leibniz dem jüngeren Meibom 85 86). In einer Einleitung zu jedem abgedruckten Stück werden Ort und Zeit der Entstehung sowie die Person des Verfassers der Quelle er­örtert. Dies war mitunter wichtig für die Einschätzung der überlieferten Handschriften und für die Beurteilung des Quellenwertes. Darauf folgt bei Leibniz zu jedem Stück eine kurze Andeutung des Erkenntniswertes. Schließlich werden die bisherigen Drucke aufgeführt, falls es sich nicht um einen Erstdruck handelt, und kritisiert. Leibniz nennt die Handschrif­ten, ihren Fundort und ihre Bedeutung. In der Fehlerhaftigkeit eines Drucks oder in der Nichtbeachtung weiterer Überlieferungen sieht er die Rechtfertigung für eine neue Edition 8C). Bei der Wiedergabe des Textes entschied sich Leibniz für die authentische Schreibweise; den Wortlaut modernisierte er selbstverständlich nicht. Ge­legentlich hob er „Archaismi non inelegantes“ der Quelle hervor 87). Än­derungen hätten dem Prinzip der Genauigkeit widersprochen, das allein zu sicheren und brauchbaren Ergebnissen führte. Diese Erfahrung hatte Leibniz nicht zuletzt 1689/90 bei seinen archivalischen Forschungen über die Verwandtschaft der Welfen und Este gemacht88). Wenn Leibniz sein Prinzip ernst nahm und wenn es einen Sinn haben sollte, verbesserte Ausgaben vorzulegen, so durften die „lectiones“ anderer Überlieferungen nicht übergangen werden. Obwohl sich Leibniz dabei rigoros auf wenige 82) Siehe Anm. 18 (Mabillon) und 28 (Papebroch). 8*) LBr 956 (Des Vignoles). Zu Leibniz’ Versuch, den Manuskriptnachlaß des Sagittarius (gest. 1694) zu bekommen: LBr 829. 84) Rerum Germanicarum Tomi 3 (Helmstedt 1688). 85) Vgl. ebenda Vorwort zu Band 1: Reineck und Heinrich Meibom der Ältere „ita ediderunt, ut additis praefationibus, notis, et emendationibus, obscu­ros illustrarent, vitio aevi corruptos corrigerent, suumque nativum decus sin­gulis redderent“. 86) Scriptores rerum Brunsvicensium passim; die Einzelnachweise von Stük- ken, die Leibniz gedruckt Vorlagen, bei Eckert Leibniz’ Scriptores 111—140. 8?) Einleitung zu Band 1 der Accessiones historicae (1698); vgl. Heinrich Meibom (der Jüngere) Rerum Germanicarum tom. 2 (1688) 85 über die Bre­mische Chronik des Heinrich Wolter: „Descripta autem omnia ex Manuscripto fidelissime, nec vocabula temere mutata, ideoque et barbarismi et germanismi Wolteri omnes retenti, et ubi voces quaedam legi non potuerunt, asteriscis id notatum est. Ex conjectura fortassis alicubi correctiones instituere licuisset: sed id facere nolui.“ 88) LSB 1/5—9 passim (Register).

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