Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen

138 Alfred Schröcker Professor in Helmstedt wurde, reiste im Auftrag von Leibniz nach Eng­land und Italien, um Handschriften zu suchen 77). Diese Namen geben nur eine ungefähre Vorstellung; daß in Wirklichkeit der Personenkreis, mit dem Leibniz korrespondierte, um Handschriften festzustellen und zu er­halten, ja zu kaufen — z. B. wurde die Chronik des Alberich von Trois- Fontaines über Dr. Stapell in Antwerpen um 12 Thaler erworben 78) — noch sehr viel größer war, ist aus den Registern der bisher vorliegenden neun Bände des allgemeinen historischen und politischen Briefwechsels der Akademieausgabe bis 1693 zu ersehen. Eine Handschrift zu erhalten, war oft mühsam, sie zu edieren aber nicht weniger. IV Eine wissenschaftliche Edition gliedert sich in zwei grundlegende Teile: in Text und Apparat. Die Erkenntnis, daß die Textdarbietung ein Prob­lem ist und daß man für ihre korrekte Behandlung einen oder mehrere Apparate verwendet, beinhaltet einen wesentlichen, ja den Schritt zur wissenschaftlichen Editionstechnik. Den ernsthaften Gelehrten des 17. Jahrhunderts und einem Leibniz genügte die einfache Wiedergabe eines Textes nicht mehr, nicht ein Text mit einer veränderten Ortho­graphie, auch nicht ein buchstabengetreuer Text. Diesen einfachen unpro­blematischen Text gab es nicht mehr, sondern nur gute oder verderbte, auch schwer lesbare und vor allem oft mehrere handschriftliche Text­zeugen. Da nützte es also einem guten Editor wie dem jüngeren Heinrich Meibom nichts, daß er bei der Herausgabe der Hamelner Chronik gut arbeitete, denn: „incidit in exemplar corruptissimum, ubi plurima ita sunt perversa, ut sensus nullus vel intolerabilis prodeat“, urteilte Leibniz; z. B. habe die Handschrift Meiboms am Beginn „vera Roma“ statt „vetere Roma“ usw.79). Wenn Leibniz historische Quellen edierte, so lag wie bei allen seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten die Absicht zugrunde, es besser zu machen als die Vorgänger. Voraussetzung dafür war, die jeweilige Problematik der Überlieferung zu berücksichtigen. Diese Erkenntnis und das daraus folgende editorische Vorgehen stammten selbstverständlich nicht von Leibniz allein. Seit 1643 — Leibniz wurde erst drei Jahre später gebo­ren — erschienen die Acta Sanctorum 80). Einige Bände der Kirchenväter­ausgabe der Mauriner lagen vor, als Leibniz mit seiner Editionsarbeit begann8I). Männer wie Papebroch und Mabillon hatten schon über ein 77) LBr 349; Reese Die Rolle der Historie 163 ff. 78) LBr 891. 7») Leibniz Scriptores rerum Brunsvicensium 2 n. 41. 89) Siehe Anm. 22; in Hannover waren 1687 die Bände Januar bis März vorhanden, Leibniz ließ für die Fortsetzung sorgen (LSB 1/4 nn. 484 und 517). 81) Siehe Anm. 38.

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