Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)
SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen
134 Alfred Schröcker „Scriptores historici restituti“ herauszugeben57). Martin von Troppau, Thietmar von Merseburg, der Codex Carolinus58 59) oder die Fasti consulares sollten auf einer breiten bzw. besseren Handschriftengrundlage neu und zuverlässig ediert werden. Das Projekt war jedoch an der Leistungsfähigkeit der Beteiligten gescheitert. Leibniz hatte auch keine Lust, langfristig einen „transscripteur“ ä9) zu machen und sich in eheähnlicher Bindung lebenslang in die mühsame Kleinarbeit zu verlieren, die seine Editionsprinzipien verlangten. Das Problem der „Scriptores restituti“ gibt einen Hinweis darauf, welche Bedeutung der Quellenbeschaffung zukam. III Die im 17. Jahrhundert vorliegenden mangelhaften Ausgaben mittelalterlicher Geschichtsquellen waren nicht nur durch flüchtige und fehlerhafte Lesungen zustande gekommen, sondern auch dadurch, daß die Herausgeber unzuverlässige und verderbte Handschriften benützt hatten. Solche Fehler galt es besonders bei der Edition der ins Auge gefaßten „Scriptores restituti“ zu vermeiden. Leibniz war das Problem bewußt: Bei schriftlicher Überlieferung existierte nicht einfach die Quelle schlechthin. Man hatte die Handschriften erst zu finden, sie als wertvoll zu erkennen und sie vor allem in die Hand zu bekommen. Leibniz’ Quellenkritik setzte bei der Überlieferungsform an. Was auf Pergament stand und in „alter Mönchsschrift“ 60 61) geschrieben war, hatte den Vorzug vor Abschriften aus späteren Jahrhunderten. Wichtiger als äußere waren innere Kriterien. Leibniz musterte eine Quelle unter verschiedenen Aspekten. Er versuchte Entstehungsort und -zeit zu fixieren sowie den Autor zu identifizieren und leitete daraus den Erkenntniswert von Geschichtsschreibern ab. Ein Geschichtsschreiber schien eher zuverlässig, wenn er über seine eigene Zeit oder über die jeweils jüngste Vergangenheit schrieb, zweifelhaft, wenn er sehr Fernliegendes berichtete81). Selbstverständlich beachtete Leibniz ansatzweise auch den möglichen Wissenshorizont eines Geschichtsschreibers. 67) Briefwechsel ab 1695: LBr 956 und Sammlung Morgenstern in Tartu/ UdSSR. Vgl. Da vilié Leibniz Historien 162—165; Eckert Leibniz’ Scriptores 26. 58) Leibniz unterstützte 1693—1695 das Editionsprojekt Tentzels (LSB 1/9 431, 476 f, 484, 494 etc.; LHXI 1, 12 fol. 9 egh. Notiz 1695; Leibniz an Magliabechi 1695 Oktober 13: D u t e n s Opera 5 113—114). 59) Leibniz an Basnage de Bauval, 1693 Anfang Oktober: Gerhardt Philosophische Schriften 3 99. «o) Erasmi von Huldenberg an Leibniz, 1695 Dezember 14: LBr 431 fol. 5 (—8); hier auch ausführlich über Kopier- und Schreibprobleme. 61) Ausdrücklich in der Einleitung zu Band 1 und 3 der Scriptores rerum Brunsvicensium.