Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen

Leibniz als Herausgeber historischer Quellen 135 Der Quellengattung wies Leibniz bei der Beurteilung des Erkenntnis­wertes einer historischen Quelle eine untergeordnete Rolle zu. So hielt er zwar nicht viel von mehr oder weniger dubiosen Chroniken62), stellte aber in der Einleitung zu Band 3 der Scriptores rerum Brunsvicensium ausdrücklich fest: Manche der abgedruckten Autoren würden „inepta et falsa“ schreiben; durch den Abdruck billige er nichts, „supprimere autem jus fasque non fuit“. Ansonsten veranlaßten Leibniz quellenkritische Über­legungen nicht dazu, sich auf — von ihm sehr geschätzte — Geschichts­schreiber und offizielle Dokumente zu beschränken. Er betonte z. B. in den Scriptores rerum Brunsvicensium gelegentlich, welchen hohen Wert die Nekrologien für die Mittelalterforschung hätten. Sie lieferten nicht nur Material für die Personenforschung, sondern gerade auch feste Stütz­punkte für die Chronologie63), ein Gebiet, auf das die moderne Ge­schichtswissenschaft des 17. Jahrhunderts besonderen Wert legte, weil die üblichen Geschichtsdarstellungen in diesem Punkt als höchst wirr und unzuverlässig bekannt waren. Ein weiteres Kriterium der Quellenauswahl lieferten wissenschaftliche Auseinandersetzungen oder Lehrmeinungen. Beispielsweise ließ Leibniz in den Scriptores rerum Brunsvicensium eine Quelle drucken, welche die Abstammung des Suidger von Bamberg, des späteren Papstes Klemens II., erhellt: eine Streitfrage zwischen den im 17. Jahrhundert bekannten Ge­lehrten Tentzel und Mollerus °4). Oder zu einem Stück über die Refor­mation sächsischer Klöster im 15. Jahrhundert bemerkte Leibniz: „Ex quo intelligi datur, magnos quidem abusus valuisse in monasteriis, sed non tantam ignorantiam aut corruptionem fuisse, quanta vulgo credi­tur“ 85). Daß sich Leibniz im Rahmen seiner Auffassung von Geschichtswissenschaft nicht etwa ausschließlich für Genealogie, Chronologie oder allgemeine, politisch ergiebige Quellen interessierte, braucht hier nicht näher erläu­tert zu werden: Er edierte die Quellen mehr nach ihrer Qualität als nach bestimmten Inhalten; dies trifft auch für die landesgeschichtlich orien­tierte Sammlung der Scriptores rerum Brunsvicensium zu. Ein schwieriges Problem, mit heutigen Verhältnissen nur mehr begrenzt * 3 «2) Vgl. Leibniz (anonym) Deduction 177: „Man weiß, wie es sonst denen also genannten Herrn Publizisten ergehet, wann sie nicht ex rerum documentis, archivis oder contemporaneis autoribus, sondern ex opinione oder aus unrich­tigen Chroniken das ihre dahinschreiben.“ Vgl. auch Scriptores rerum Bruns­vicensium 3 n. 14: die 1492 gedruckte Braunschweiger Chronik mit Illustrationen „quarum magna pars inanis et inutilis“. Dagegen: Leibniz an Justus von Drans­feld, 1687 Februar 13 (LSB 1/4 n. 513): sucht „chronica vetustiora, diplomata, aliaque id genus“. Vgl. auch Scheele Wissen und Glaube 25. 83) z. B. Scriptores rerum Brunsvicensium 1 n. 47 (Hildesheimer Nekrolog), 3 n. 42 (Fuldaer Nekrolog). 84) 1 n. 38. es) 2 n. 39.

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