Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen

132 Alfred Schröeker Trotz des äußeren Umfangs war die Quellenedition bei Leibniz nicht Selbstzweck; die Geschichtsdarstellung blieb sein Ziel, an dem er in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens mehr oder weniger eifrig ar­beitete. Halb zählte er sich zu denen, die Grundlagen bereitstellten, halb wünschte er ein großer Darsteller zu sein: „pauci excellentes pictores sufficiunt“, schrieb er am 17. Juli 1711 an den Historiker Bierling, „cum multi necessarii sint fabri. Immo nec ii spernendi sunt, qui codices ma- nuscriptos conferunt et vetera explicant“48). Das Methodenbewußtsein verlangte, zuerst die Quellen zu bearbeiten und das Material für die Darstellung verfügbar zu machen. In diesem Sinne interpretierte Leibniz sogar seinen Codex juris gentium diplomaticus als eine Art Dokumen- tenband, der die probationes für die folgende Darstellung zu liefern hat­te 49). Daß er jedoch diesen Dokumentenband übereilt vorzog, hatte einen besonderen Grund. Leibniz fürchtete, daß ihm andere Wissenschaftler dar­in zuvorkommen könnten, ungedrucktes und interessantes Material zu veröffentlichen. Denn allenthalben in Europa suchten Gelehrte nach histo­risch wichtigen Dokumenten für große und kleine Sammelausgaben. Die Edition ungedruckter Quellen lieferte nicht nur neue probationes z. B. für die Verwandtschaft der Welfen und Este, sondern vermochte auch zu wissenschaftlicher Anerkennung und zu Ruhm zu verhelfen: vor allem, wenn die edierten Stücke nicht gedruckt, schwer zugänglich oder beson­ders interessant waren, wie Leibniz über seinen Codex juris gentium diplomaticus urteilte50). Die Kunst des Erfindens und Findens schien nicht nur einem Leibniz wichtig, sondern das Streben nach wissenschaft­licher Neuheit zeichnete auch das ganze Zeitalter aus 51). Aber schon bei seiner ersten Quellenedition, dem Codex von 1693, mußte Leibniz erkennen, daß die Konkurrenz groß war. Nicht zuletzt die Ver­suche von Holländern, ein großes Sammelwerk über Verträge herauszu­bringen 52), dürften Leibniz ab 1695 dazu bewogen haben, Material an­■*8) Gerhardt Philosophische Schriften 7 494. 49) Leibniz für Kammerpräsident Otto Grote, 1692 Juni: LSB 1/8 n. 8: Die Dokumente sollen „servir de preuves... C’est faire d’une pierre deux coups; c’est ä dire, donner des preuves pour nous, et une collection d’auteurs et monumens utiles pour tous les autres; puis qu’il faudroit aussi bien sans cela un Tome de preuves, mais qu’il sera mieux de dégager ainsi de l’ouvrage principal pour le rendre moins enflé.“ Ähnlich ebenda n. 15 von 1692 Juli 1. so) Leibniz an Basnage de Bauval, 1693 Anfang Oktober: Gerhardt Philo­sophische Schriften 3 99; vgl. LSB 1/9 nn. 128, 142, 214. 51) Leibniz Dissertatio de arte combinatoria (Leipzig 1666), Ravier n. 6. Vgl. Müller — Krönert Leben und Werk 168; oder Leibniz an Menegatti, 1695 Dezember: LBr 639 fol. 4; Leibniz an Fritsch, 1695 Februar 6: LBr 291 fol. 5—6: „meine Neue Inventa in scientiis nach und nach herfür zu geben“; LSB 1/8 n. 202, Ravier n. 336 (Erfindung nützlicher Spiele); Gerhardt Philosophische Schriften 7 174—183. — Ehrenfried Walther von Tschirn- h a u s Medicina mentis sive artis inveniendi praecepta generalia (Ed. nova, Leipzig 1695). s2) Recueil des traitez, 4 Bände (Amsterdam und Haag 1700) für die Zeit von 536—1700; in 1 X (Preface) betonen die Herausgeber, daß man die aus

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