Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen

Leibniz als Herausgeber historischer Quellen 127 senschaftlichen!) Bereich der Wahrscheinlichkeiten an. Der Begriff pro­batio wird aber zeitgenössisch nicht etwa ausschließlich in diesem Sinn verstanden, sondern vor allem auch juristisch. Mit einem solchen Akzent taucht er bei den französischen Historikern auf, die besonders an der Jurisprudenz im weitesten Sinne orientiert waren, z. B. in Mabillons Di­plomatik IS). Vor Gericht war es nötig, treffende Beweise vorzulegen. Ähnlich den vielen speziellen Bedeutungen, die probatio in der forensi­schen Sprache hatte 18 19), war auch in der Geschichtswissenschaft das Zeug­nis oft nicht eindeutig. Die probatio bzw. die fides historica, das Pendant zur fides juridica20), war deshalb etwa bei einem der ersten wichtigen deutschen Theoretiker, bei Eisenhart, dessen Werk Leibniz bereits kurz nach Erscheinen kannte, und der mit ihm darüber korrespondierte 2I) nach Sicherheitsgraden abgestuft. Auf Grund juristischer Überlegungen, aber auch aus philosophischen Gedankengängen über den Unterschied von em­pirischen und theoretisch-konstruktiven Wissenschaften legte Leibniz in der Geschichtswissenschaft einen großen Wert auf die Wahrscheinlich­keitsgrade, ja er forderte öfters, daß eine Wahrscheinlichkeitslogik syste­matisch entwickelt werden müßte22). Er selbst streifte gelegentlich die­sen oder jenen Gedanken über Wahrscheinlichkeit, vor allem aber wand­18) Jean Mabillon De re diplomatica (Paris 1681) 2, 3, 16, 33, 36, 81, 145 etc.; ebenda 1 über die forensische Bedeutung, besonders „privatorum hominum, ecclesiarumque fortunae plurimum pendeant ex ejusmodi momentis“. Über Frankreich: Fu e ter Historiographie 309; vgl. Scherer Geschichte und Kir­chengeschichte 141—144, 189—192, 210 für Deutschland. Vgl. Jean L e C 1 e r c (anonym) Parrhasiana (Amsterdam 1699) 172: „mais qu’il falloit examiner ce que disoient les uns et les autres, selon les mémes Regies que la Jurisprudence prescrit pour l’examen des témoignages, dans les choses civiles et criminelles.“ 19) Vgl. Johann Heinrich Zedier Universal-Lexicon 29 Leipzig—Halle (1741) 620—636 s. v. „probatio“; ferner ebenda 3 (1733) 1635, 7 (1734) 535 ff und 29 (1741) 638 ff s. v. „Beweis“, „Demonstration“, „Probe“. Vgl. die zahlreichen Titel vor Leibniz und bis 1716 in Martin L i p e n i u s Bibliotheca reális juridica 2 (Leipzig 1757) 211—214; 3 (1775) 400—402; 4 (1789) 334—336. 2r>) Besonders anregend für die Geschichtswissenschaft zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Christian ThomasiusDe fide juridica (Halle 1699). 21) Johann Eisenhart De fide historica commentarius (Helmstedt 1679); im Anhang druckt Eisenhart seinen Vortrag von 1667 ab: De conjungendis jurisprudentiae et historiarum studiis oratio. Leibniz: LSB 1/2 n. 411 (Februar 1679); man vgl. eine spätere Äußerung zur Sache: Leibniz an Bierling, 1709 Oktober 24 (Gerhardt Philosophische Schriften 7 486). Eisenhart (1643—1707), in erster Ehe mit einer Tochter des Juristen und Historikers Hermann Conring verheiratet, hatte ein Ordinariat für Rechtswissenschaft, dann auch für Ge­schichte, Poesie und Moral in Helmstedt: ADB 5 (Leipzig 1877) 766. 22) D a v i 11 é Leibniz Historien 474—477; Ezequiel de O 1 a s o Objections inédites de Leibniz au principe sceptique de l’équipollence in Akten des 4. Internationalen Kant-Kongresses Mainz 6.—10. April 1974 Teil II, 1 (Berlin— New York 1974) 52—59. Vgl. Nouveaux essais (LSB 6/6) 373: „l’art d’estimer les verisimilitudines“ sei nützlicher als ein guter Teil „de nos sciences demonstra­tives“. Eine wichtige Stelle bei Gerhardt Philosophische Schriften 6 44 f.

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