Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen

123 Alfred Schröcker te er sie bei seinen historischen Studien praktisch an* 2 * 23). Das Sammeln und Vergleichen des Historikers kam der Definition des Juristen Leibniz entgegen: „Constat enim probabilitas ex collectione omnium circumstan­tiarum“ 24 *). Das Problem der vernünftigen probatio war aufs engste mit dem histori­schen Pyrrhonismus verbunden: mit dem Skeptizismus, wie er sich im 16./17. Jahrhundert in allen Wissenschaften stellte. Es geht dabei nicht nur um große Namen wie Montaigne, Descartes oder Bayle2ä), sondern auch um zweitrangige, aber nicht unbedeutende Forscher wie Foucher, dessen Skeptizismus Leibniz bei seinem Pariser Aufenthalt in Diskussio­nen kennenlernte 26), oder um den Jesuiten Hardouin, dessen Werke Leib­niz mit großem Interesse las27). Der historische Pyrrhonismus ließ sich nach Leibniz’ Ansicht nur überwinden, indem man die Quellen näher untersuchte: d. h. sie in zuverlässiger Form der gelehrten Welt zugänglich machte und ihren Zeugniswert nach Kriterien erörterte. Nur auf diesem Weg schien prüfbar, ob die merowingischen Urkunden erfunden waren, wie Papebroch 1675 behauptet hatte28), ob die mittelalterlichen Mönche so viel erdichtet hatten, wie Hardouin meinte29), ob Urkunden wie die 23) Dazu beispielsweise die zahlreichen Korrespondenzen zur Genealogie der Welfen und Este (LSB 1/5—9 Register), wo oft von Vermutungen, Wahrschein­lichkeiten und von der Suche nach ausreichenden „probationes“ die Rede ist. Leibniz wandte auch für seine philosophischen Überlegungen historische Bei­spiele an, z. B. LSB 1/9 n. 358; de O 1 a s o (wie Anm. 22). 2i) LSB 6/1 572 (Elementa Juris Naturalis). 25) Ausführlich Ira O. Wade The Intellectual Origins of the French En­lightenment (Princeton 1971); Meta Scheele Wissen und Glaube in der Ge­schichtswissenschaft. Studien zum historischen Pyrrhonismus in Frankreich und Deutschland (Heidelberg 1930). Vgl. Scherer Geschichte und Kirchengeschich­te 209—211; W e g e 1 e Historiographie 649 ff. 26) LSB 6/6 374 (Nouveaux essais); zu Simon Foucher (1644—96): Hoefer in Nouvelle Biographie Générale 18 (Paris 1858) 283—284; Wade The Intel­lectual Origins 464. Zu Leibniz: D a v i 11 é Leibniz Historien 474—477. 27) Leibniz bezieht sich auf die münzkundlichen Werke Hardouins; z. B. Leibniz an Magliabechi, 1695 Dezember 13: Du tens Opera 5 113—114; „certe quae ab hoc viro veniunt, etiam falsa, tamen habent aliquid quod conservari mereatur“, anläßlich des Leipziger Nachdrucks 1695 von Jean Hardouin Chro- nologiae ex nummis antiquis (Paris 1693). Vgl. auch LSB 1/9 nn. 230 und 294. Zu Hardouin (1646—1729): LThK 5 (1960) 5. Besonders wichtig Leibniz De nummis Gratiani Augg. Aug. cum Gloria Novi Seculi dissertatio (Hannover 1701) (R a v i e r n. 53, gedruckt D u t e n s Opera 4 252—267). 28) De Diplomaticis in Acta Sanctorum Aprilis tom. 2 (Antwerpen 1675). Zu den Auseinandersetzungen: Rosenmund Fortschritte der Diplomatik 3 ff; F u e t e r Historiographie 325 ff; T e s s i e r Diplomatique 638—642. Carlos Som­mervogel Bibliothéque de la Compagnie de Jesus 21 (Paris—Bruxelles 1890) 1624—1675 s. v. „Bollandus“, 1655—1672 „Critiques ä l’occasion des Acta“ und 26 (1895) 178—185 s. v. „Papebroch“; LThK 8 (1963) 33—34 s. v. „Papebroch“ und 2 (1958) 571—572 s. v. „Bollandisten“. 29) Von Leibniz besonders in De nummis Gratiani zurückgewiesen (siehe Anm. 27).

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