Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)
SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen
126 Alfred Sdiröcker Warum die Vorarbeit zur Hauptsache wurde, mag in Leibniz’ unruhigem, bohrendem Charakter oder in der Fülle des Materials liegen; ein wichtiger, wenn nicht der Hauptgrund ist Leibniz’ Auffassung von Geschichtswissenschaft. Leibniz wollte im Bereich der Geschichtswissenschaft diesem „untersuchenden Saeculo“ 13) eine feste und exakte Grundlage geben; mit „Fabeln“ war die Historie genug erfüllt „solches Unkraut aus dem Garten der Historie auszujäten“ 14) seien die Gelehrten heutzutage im Begriff. Nicht bloße Autoritäten, Vermutungen oder Meinungen waren dazu nötig, sondern „probationes“, Belege aus Dokumenten oder zeitgenössischen Autoren, damit man nicht einer beliebigen Möglichkeit einfach die „contraria possibilitas“15) entgegensetzte. Ohne Quellenbeleg war die Geschichtswissenschaft für Leibniz keine Wissenschaft. Die zentrale Stelle des Begriffs probatio (franz. preuve) spiegelt sich in der häufigen Verwendung in Leibniz’ Briefen über historische Fragen wider. Doch wird der Begriff bei Leibniz u. a. allgemein erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch gefaßt. Er meint einerseits den Vorgang des Nachweisens und den objektivierten Nachweis im Bereich des Sinnlich- Empirisch-Faktischen, etwa in der Geschichtswissenschaft, andererseits aber auch den logischen Schluß, den „demonstrativen“ Nachweis notwendiger, d. h. nicht empirischer Wahrheiten 16). Im Gegensatz zu demonstrativ-deduktiven Wissenschaften wie der Mathematik oder der Philosophie gründet sich das Faktische auf Sinneswahrnehmung und auf das menschliche Zeugnis („un témoignage humain“)1?), es gehört dem (nicht unwisis) Leibniz (anonym) Deduction . .. Samt einer Gründtlichen Beantwortung (Hannover 1694) 102 (in Ravier n. 275 und als selbständiger Druck 1694). Die anonyme Schrift von 1694, Kritik der von Johann Georg von Kulpis historisch genau belegten und mit Dokumenten versehenen Deduction über die Reichssturmfahne, drückt Leibniz’ Ansicht über eine solide Geschichtswissenschaft trefflich und im allgemein zugänglichen Druck aus. Zahlreiche Belege für das Folgende LSB 1/1—9; Da vilié Leibniz Historien 465 ff und Register s. v. „preuve“. 14) Leibniz (anonym) Deduction 98; vgl. auch die Wendung an den Leser in den Accessiones historicae von 1698 (R a v i e r n. 43). 15) Leibniz (anonym) Deduction 100. 16) Leibniz Noveaux essais (LSB 6/6) 50, 80, 98, 107, 367, 370—373 etc.; vor allem die Stelle: „ainsi il y aura deux sortes de connoissance, comme il y a deux sortes de preuves, dönt les unes produisent la certitude, et les autres ne se terminent qu’á la probabilité“ (373). ii) Vgl. Nouveaux essais LSB 6/6 464: „les unes (sc. propositions) sont de fait, qui dependant de l’observation peuvent estre fondées sur un temoignage humain; les autres sont de speculation... ne sont pas capables d’un semblable temoignage“; vgl. ebenda 50 (Préface): für die „verités necessaires“ brauche man „principes, dönt la preuve ne depende point des exemples, ni par consequent du témoignage des sens“; ebenda 301: „L’existence reelle des estres qui ne sont point necessaires est un point de fait ou d’Histoire, mais la connoissance des possibilités et des necessités (car necessaire est dönt l’opposé n’est point possible) fait les sciences demonstratives“.