Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 29. (1976)

SCHRÖCKER, Alfred: Leibniz als Herausgeber historischer Quellen

Leibniz als Herausgeber historischer Quellen 125 Neben der Quantität vernachlässigte Leibniz bei seinen Sammlungen kei­neswegs die Qualität der Urkunden und Geschichtsschreiber. Er ließ außerordentlich viele bedeutende Quellen drucken. Dieser Erfolg hängt wie die gesamte Editionstätigkeit mit seiner wissenschaftlichen Motiva­tion und kritischen Auffassung von Geschichtswissenschaft zusammen. II Leibniz’ Beweggründe, Geschichtsforschung zu treiben und historische Quellen herauszugeben, fallen zusammen. Das Wirken im politischen In­teresse des Hauses Braunschweig-Lüneburg brachte Leibniz offiziell und persönlich zur Geschichtswissenschaft. Als Regierungsrat hatte Leibniz, wie andere hohe Beamte auch6), mit historisch-politischen Materialien und Argumenten zu dienen 7). Nach dem gescheiterten Versuch von 1685, den Harzbergbau technisch umzustrukturieren, benötigte Leibniz 1685 eine neue Aufgabe am Hof, mit der er sich verdient machen konnte8): Er dachte sicher nicht an eine Lebensaufgabe, aber das Projekt wurde für vier Jahrzehnte eine seiner großen Aufgaben. Auf Grund seiner viel­seitigen Bildung 9), durch Einflüsse der Jurisprudenz 10) und durch seine Tätigkeit als Regierungsbeamter und Berater hatte Leibniz Zugang zur Geschichtswissenschaft11). Sein dynamischer Leistungsehrgeiz ließ ihn wohl selbstverständlich auch in der Geschichtswissenschaft neue Gipfel erwarten. Teilweise erfüllte die Genealogie diesen Zweck12 *). Die Ge­schichte des Hauses Braunschweig-Lüneburg, verbunden mit einer Reichs­geschichte des Mittelalters, sollte zwar das höchste Ruhmesblatt werden, aber zu Leibniz’ Lebzeiten und auch heute noch liegt die große geschichts­wissenschaftliche Leistung in der Quellenedition, also in einer Vorarbeit. 6) Reese Die Rolle der Historie 94 f, 122 f; zu Chilian Schrader ebenda 96. Ein typisches Beispiel ist etwa die anonyme Arbeit des Vizekanzlers Ludolf Hugo Bericht von dem Rechte des Hauses Braunschweig und Lüneburg an de­nen Lauenburgischen Landen (Hannover 1692). 7) Reese Die Rolle der Historie passim. 8) Ebenda 41—42; Briefwechsel dieser Zeit: LSB 1/2. Leibniz erhoffte sich auch wohl direkten politischen Einfluß: D a v i 11 é Leibniz Historien 29 ff. 9) Leibniz’ Vorstellungen (1689) über den historischen Bestand einer Biblio­theca universalis selecta sind enthalten in LSB 1/5 nn. 440 und 447. i») Über die Rolle der Geschichte in Leibniz Nova Methodus discendae docendaeque jurisprudentiae von 1667 (R a v i e r n. 8) vgl. D a v i 11 é Leibniz Historien 7 f. Leibniz’ Caesarini Fürstenerii De Jure suprematus ac legationis principum Germaniae von 1677 (Ra vier n. 19; LSB 4/2 n. 1) war bereits sehr historisch geprägt. Vgl. auch DavilléLe développement 2 19. u) Vgl. Leibniz’ eigene Schilderung bei Klopp Werke 1 XXXIII. 12) Durch die archivalischen Forschungen von 1689/90 in Süddeutschland und Norditalien gelang es Leibniz, die Verwandtschaft der Welfen und Este aus Dokumenten schlüssig nachzuweisen (LSB 1/5 und 6 passim); über die gesamte Reise D a v i 11 é Leibniz Historien 62 ff.

Next

/
Thumbnails
Contents