Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 28. (1975) - Festschrift für Walter Goldinger

THOMAS, Christiane: Acta Extera Caroli V. Geschichte eines gescheiterten Archivunternehmens

Acta Extera Caroli V. 409 den. Der Löwenanteil entfiel auf sechs deutschsprachige, gefolgt von drei la­teinischen, zwei französischen Blöcken und je einem englischen, italienischen und spanischen Block. Die Zuteilung von „kleinen Partien“, die im Haus, im Institut für österreichische Geschichtsforschung oder in einem anderen Ar­chiv entziffert werden konnten, übernahm Mayr, der sich bemühte, die chro­nologischen Untergruppen aufrecht zu erhalten91). Bis hierher waren Planung und Organisation klaglos abgelaufen. Bald nach Inangriffnahme der praktischen Durchführung tauchten die Schwierigkeiten auf, die jeder mit Editionstechnik vertraute Historiker kennt. Allgemeine Richtlinien, wie sie Bittner und Mayr entworfen hatten, bestimmen zwar Umfang und Grundprinzipien, lassen aber dem einzelnen Mitarbeiter zu viel Spiel­raum in Detailfragen der Textwiedergabe. Zudem bringt erst die intensive Beschäfti­gung mit der kleinsten Einheit, dem Bericht, der Weisung usw., das Wissen um die zahlreichen Sonderformen der Überlieferung92) und um die Variationsmöglichkeiten der Orthographie. Mitte Oktober war klar93), daß Bauers Grundsätze, auf die man sich voll und ganz verlassen hatte, nicht ausreichten94). Die Nähe der Thematik und die zeitliche Übereinstimmung bei Familien- und diplomatischem Briefwechsel hatten dazu verleitet, an eine Entsprechung zu glauben und kein Wort über paläographische oder normalisierte Wiedergabe und Interpunktion zu verlieren. Im Beisein aller Mit­glieder punktweise die Problematik an Hand von Bauers Einleitung zu besprechen, war zu zeitraubend. Daher konstituierte sich ein Ausschuß mit Bauer, Pribram und Englmann, dessen Beschlüsse „bindende Kraft“ für jeden Kopisten hatten95). Mit den „allgemeinen Grundsätzen“ regelte man z. B. Titelzeile, Lokatangabe, Auflösung von Abkürzungen und Satzzeichensetzung und schuf mit der Einfühlung von gesperrten Schlagwörtern in jedem Absatz einen Ersatz für das fehlende Kopfregest. Alle edi­tionstechnischen Vermerke mußten in englischer Sprache abgefaßt werden. Mit spe­ziellen Anleitungen ging man auf deutsche, lateinische und französische Orthographie ein, wobei eine Angleichung an die moderne Schreibung tunlichst vermieden werden sollte. Obwohl zum Zweck dieser Beratungen die Abschriftenanfertigung unterbro­chen worden war96), war Mitte Dezember 1921 dieser Abschnitt „nahezu be­endet“97). Ja, man hatte schon am 6. Dezember ein Team von Kollatoren, das unter Einschluß von Mayr mit dem Ausschuß identisch war98), nominiert, und die gegenseitige Überpüfung „schritt rasch vorwärts“99). War diese 91) ZI. 1107/1921. 92) Ähnlich erkannte das Team der Universität Konstanz für das Projekt der Er­schließung der Korrespondenz Karls V., daß anfängliche Aufnahmeprinzipien kein fe­stes Schema sein können, das für jeden Sonderfall sofort die Lösung bietet. Vielfalt und Mannigfaltigkeit der Quellen ergeben sich erst im Lauf der Arbeit. Als vorläufiges Resultat des Konstanzer Projekts wird ein Stückverzeichnis der ersten Faszikel des Bestandes Belgien PA in MÖStA 29 (1976) erscheinen. 93) ZI. 1235/1921. 94) Ad ZI. 1107/1921. 95) ZI. 1235/1921. 96) Ad ZI. 1107/1921. 97) Ad ZI. 1515/1921. 98) ZI. 1455/1921. ") Ad ZI. 1515/1921.

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