Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 28. (1975) - Festschrift für Walter Goldinger
THOMAS, Christiane: Acta Extera Caroli V. Geschichte eines gescheiterten Archivunternehmens
396 Christiane Thomas ten zudem — laut kollegialem Rat - noch aus der Zeit vor der Konstituierung der Generaldirektion entstandene Kurrentakten zu speziellen Archivbetreffen nach Art von Sonderliassen vorhanden sein, die eine Aussage zum Jahr 1928 und damit zum Vertrag Wien-Göttingen enthielten. Karton für Karton, Ordner für Ordner der beiden letztgenannten Abteilungen wurde nun ungeachtet anderslautender Beschriftungen umgedreht, geöffnet und überprüft, bis der Blick auf eine große schwarze Schachtel mit verblaßter roter Aufschrift fiel, von der nur das Wort ,,Tyler“ noch mühsam entzifferbar war: Ein neuer Zettelkatalog zu den Acta Extera war aufgetaucht, dessen Fund zu weiterer Suche anspornte. Erklärende Schriftstücke zum Schicksal des Projekts konnten zwar nicht sichergestellt werden, aber die Enttäuschung darüber wurde durch vier verstaubte, schmale, hellbraune Schachteln wettgemacht, deren Rücken Josef Karl Mayrs charakteristische Schriftzüge „n. 1-22; 1520, n. 23-109; 1521 Mai-Juni, n. 175-243; 1521 Juli-VIII 5, n. 244-349“ zeigten. Wenn auch jede genauere Kennzeichnung fehlte, so weckten doch die Jahreszahlen Interesse. Das öffnen des ersten Behälters genügte, um zu wissen, daß nunmehr endlich vier der insgesamt fünf Einheiten von Reinschriften zum Vorschein gekommen waren19). Die Verbindung von englischem Titel mit jeweils originalsprachigem Text, wie „1519 July 1, [Zurich] Doctor Hieronymus Baidung to the Government at Innsbruck. Gnedig und günstig herrn“ usw., ließ keinen Zweifel bestehen. Von den verschiedensten Händen, nur zu einem geringen Teil mit Schreibmaschine auf hellblauem Konzeptpapier geschrieben, war hier das druckfertige Manuskript für die Jahre 1519-1521 aufbewahrt, allerdings mit einer derartigen Vielfalt von Korrekturen, Streichungen und Ergänzungen, daß man den Setzer nur bedauern kann, der sich in diesem Wirrwarr zurechtzufinden hatte. Um Sinn und Zweck aller Vermerke, vor allem aber um die Prinzipien und das Schema der geplanten Edition zu verstehen, mußten die gesondert aufgestellten Kurrentakten-Acta Extera zu Rate gezogen werden, die immerhin bis zum Jahre 1924 Aufschlüsse über Beginn und Ablauf der Arbeiten geben würden. II Als Elesina Tyler im Dezember 1920 den Direktor des Haus-, Hof- und Staatsarchivs Oskar Mitis durch Prinz Franz Liechtenstein über ihre Absicht informieren ließ, durch österreichische Historiker - in erster Linie Beamte des Archivs — die „vollständige Veröffentlichung der Berichte der Botschafter Karls V. während seiner tatsächlichen Regierung als Kaiser“ zu initiieren20), 19) Die dritte Schachtel mit den Nummern 110—174 ist bis heute nicht gefunden. 20) ZI. 1213/1920 und ad ZI. 1215/1923. Die Fixierung auf die „tatsächliche Regierungszeit“ bot die Möglichkeit, den Beginn mit der Wahl zum römischen König 1519 anzusetzen.