Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 28. (1975) - Festschrift für Walter Goldinger
THOMAS, Christiane: Acta Extera Caroli V. Geschichte eines gescheiterten Archivunternehmens
Acta Extera Caroli V. 397 wurde dieser Gedanke nicht zum ersten Mal ventiliert. Der Unterschied gegenüber früheren Plänen dieser Art lag im Motiv. Während Ignaz Freiherr von Reinhart, der sich hier mit Joseph Chmel einig wußte, die „Glanzzeit der Habsburger“ der wissenschaftlichen Forschung zugänglich machen wollte21) — ein gewisses Maß an Prestigedenken ist nicht auszuschließen —, während sich die 1898 gegründete Kommission für Neuere Geschichte Österreichs ähnlich wie Paul Kalkoff im Jahr 1900 und in der Folge Karl Brandi davon leiten ließ, die Aufhellung des 16. Jahrhunderts voranzutreiben22), war es für Mrs. Tyler oberstes Gebot, die nach dem Ersten Weltkrieg notleidenden österreichischen Historiker, die wegen der allzu hohen Druckkosten nicht publizieren konnten, zu unterstützen23). Daß sie hiebei die Archivare begünstigen wollte und thematisch die Zeit Karls V. vorschlug, mag wohl darauf zurückzuführen sein, daß sie sowohl die Beamten wie die reichhaltigen Bestände von ihren Wiener Aufenthalten vor 1914 kannte. Eine Edition, die unter ihrer Ägide und mit ihren Anregungen vorbereitet werden sollte, mußte auf eine geschichtliche Periode gerichtet sein, die ihr geläufig war, bei der sie aus eigener Erfahrung „mitreden“ konnte. Die offizielle Begründung vermied allerdings, den Wohltätigkeitszweck herauszustreichen, und für die zukünftigen Subskribenten hieß es, man unternehme den Versuch, die Gesamtheit der Außenpolitik Karls zu erfassen: Bedingt durch die Streulage seines Besitzes sei der Kaiser in fast alle europäischen Konflikte verwickelt gewesen, die sich in den Berichten, Weisungen, Notenwechseln und Hofkorrespondenzen der hochentwickelten burgundischen Kanzlei niedergeschlagen hätten. Da eine vollständige Ausgabe nie erschienen sei, würde Wien, das neben Simancas die Hauptmasse der Quellen verwahre, nun den ersten Schritt in Richtung auf einen Gesamtüberblick tun24). Die in die Augen springende Vernachlässigung des Brüssler Archivs, das mit der gleichen Berechtigung wie Wien das Prädikat der Wichtigkeit für die Jahrzehnte Karls in Anspruch nehmen konnte, sollte wahrscheinlich Wiens Wert besonders heben, bzw. den Lesern des Prospekts den Kauf der Publikation als unerläßlich anempfehlen. Auch für Mrs. Tyler stand die Absicht, einen „Gesamtüberblick“ zu gewinnen, im Vordergrund, doch führte sie, von Bittners Prospekt abweichend, an, daß alle bisherigen Veröffentlichungen, wie z. B. die Serie der englischen Calendars, nach „nationalen Gesichtspunkten“ erfolgt seien, also nur die für das jeweilige Land bedeutsamen Dokumente berücksichtigt hätten25). Im Verschweigen der Lanzschen Arbeiten aus Brüssler Beständen26) traf sie sich mit Bittner. Interessanterweise negierte sie in ihrer 21) Bittner Einleitung 200*; Franz Hüter Biographien der Archivbeamten seit 1749 in Gesamtinventar 1 26 und 109. 22) Brandi Die politische Korrespondenz Karls V. 252f. 23) Ad ZI. 1215/1923. M) Ad ZI. 55/1921: Deutsches Konzept Bittners für den Prospekt (Vorbemerkung) zur Edition. 25) Wie Anm. 23. 26) Correspondenz des Kaiser Karls V. Aus dem königlichen Archiv und der Biblio-