Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 28. (1975) - Festschrift für Walter Goldinger
THOMAS, Christiane: Acta Extera Caroli V. Geschichte eines gescheiterten Archivunternehmens
Acta Extera Caroli V. 395 Und doch war ein Schritt nach vorn gelungen. Um exakte Fragen stellen zu können, war eine erste flüchtige Durchsicht der Sonderserie Kurrentakten- Acta Extera (1920-1924) unerläßlich gewesen. Durch eine einzige, an sich unbedeutende Aktennotiz war mit einem Schlag klar, welcher Illusion alle bisherigen Nachforschungen gegolten hatten: Ein Kartenhaus war zusammengestürzt. Es war nicht mehr notwendig, sich über Wege zur Auffindung von 54 Kartons Abschriften den Kopf zu zerbrechen, da davon 34 die Sammlung der zum Kopieren vorgesehenen, .ausgehobenen Originalakten umfaßten. Von der restlichen Anzahl waren nur fünf Kartons für druckfertige und zwei Kartons für ausgeschiedene Reinschriften zu beanspruchen, alles übrige bildete Arbeitsbehelfe15 16). Das Phantom eines spurlos verschwundenen Schatzes hatte sich zur Realität eines kleinen Stoßes von fünf Schachteln gewandelt. Die Auskunft des Generalkatalogs17) bezog sich also auf eine Art mixtum compositum und verstand unter Acta Extera sowohl die Ablage druckreifer Manuskripte als auch in der Hauptsache ein archivalisches Selekt von Akten aus allen in Betracht kommenden Abteilungen des Hauses. Ein künstlicher Archivbestand war mit den Materiahen zu seiner Erschließung gekoppelt worden. Diese Erkenntnis weckte aber nun den Ehrgeiz, den tatsächlichen Niederschlag des gescheiterten Editionsunternehmens aufzuspüren, wozu auch die beiden Schubladen mit Indexzetteln in der Urkundenreihe zu rechnen waren. Die Überzeugung, daß die Suche im Depot des Wiener Vertragspartners vor sich gehen müsse, gab der Kleine Generalkatalog der nicht geborgenen Bestände (= Archivbehelf 556), der für die Stellage 82c des VI. Geschosses - unmittelbar neben dem Aufstellungsort, den Mayr und der Generalkatalog genannt hatten - „14 Einheiten Acta Extera Caroli V.“ verzeichnete18). Damit war Gewißheit, was die Konstanzer Arbeitsgruppe, die zunächst ebenfalls den Wortlaut Bittners als Abtretung interpretiert hatte, als Vermutung geäußert hatte: Die Arbeiten der Wiener Archivare hatten das Archiv nie verlassen, darüber hinaus waren sie bei der Räumung und Verlagerung 1944 als nicht berücksichtigungswürdig zurückgelassen worden. 30 Jahre später standen sie nicht mehr an dem für sie bezeichneten Lókat, doch da sie von der grundlegenden Umstellung nach der Rückführung nicht erfaßt worden waren, schien eine Suche in der weiteren Umgebung der Stellagen 79—82, d. h. in den sogenannten „Boxen“ des Habsburg-Lothringischen Familienarchivs, wo auch die Kurrentakten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs und die Akten der Generaldirektion hegen, sinnvoll. Auch unter den letzteren könn15) Univ.-Prof. Dr. Franz Hüter an die Verfasserin von 1973 Mai 25; telephonische Auskunft von Dr. Robert Lacroix. 16) KA-Acta Extera ZI. 2017/1924 (Vermerk Josef Karl Mayrs). In Hinkunft werden die Akten dieser Sonderreihe nur mit ihrer Zahl zitiert. 17) Siehe oben S. 392. 1S) KA-Bergungsakten: Archivbehelf 556 S. 33. Ich danke Hofrat Dr. Rudolf Neck für den Hinweis, die Bergungsakten zu Rate zu ziehen.