Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

498 Literaturberichte wissenschaftliche Apparat umfaßt ferner Listen der Landesfürsten, Statt­halter und Landeshauptleute, ein Register und einen reich bemessenen Bildteil. Otto Friedrich Winter (Wien) Claus Gatterer Erbfeindschaft. Italien—Österreich. Europaverlag, Wien— München—Zürich 1972. 236 S. Wohl zu den giftigsten Früchten am Baum des Nationalismus des 19. Jahr­hunderts sind die sogenannten Erbfeindschaften zwischen benachbarten Völkern zu rechnen. Eine davon hat mit Langzeitwirkung das österrei­chisch-italienische Verhältnis korrumpiert und den bestehenden natürli­chen nationalen Gegensatz, der nicht in Feindschaft hätte ausarten müs­sen, durch psychologische Mißverständnisse und Vorurteile und durch die darin begründeten stereotypen Haltungen und emotionalen Motivierun­gen zu einem von Generation zu Generation weitervererbten Feind­schaftskomplex ausreifen lassen. G. versuchte in einer Reihe von Rundfunkvorträgen, die er hier überarbei­tet in Buchform vorlegt, an zahlreichen Beispielen die Wurzeln solcher nationaler Fanatismen bloßzulegen und den Veränderungen nachzuspü­ren, die dieses unselige Erbe in beiden Völkern im Verlaufe der Zeit erfahren hat. Als genauer Kenner der Verhältnisse und leidenschafts­loser Forscher, stets um Verständigung bemüht, bietet G. in diesem wohl­abgewogenen und von fundierter Sachkenntnis diktierten Werk einen aufschlußreichen Beitrag zur Psychologie der Beziehungen der Völker zueinander, im konkreten Fall der Österreicher und Italiener. An Hand zahlreicher Detailstudien über das Zusammen- und Gegeneinanderleben der beiden Völker und Staaten werden hier einzelne Reizpunkte nationa­ler Empfindlichkeiten freigelegt, die im Geschichtsbewußtsein immer dann den Erbfeindschaftskomplex reaktivieren, wenn politische Spannungen auftreten. Der Autor zeigt als Kontrast zu den kollektiven Gegensätzen das Schick­sal einzelner Persönlichkeiten, bekannter wie Degasperi und Battisti, oder in Österreich kaum zur Kenntnis genommener wie Guglielmo Oberdan und Giovanni a Prato, und dokumentiert das komplexbeladene Verhältnis zwischen Österreich und Italien für den Zeitraum von 1859 etwa bis nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. In dieser Zeit war das nationalistische Virus im Irredentismus geradezu seuchenartig aufgetreten. Unter Schlag­worten und Verteufelungen gediehen die gegenseitigen Verdächtigungen diesseits und jenseits des Brenners und fanden über Presse und Schulbuch den Weg ins Geschichtsbewußtsein und bedingten die Verhaltensformen in der gegenseitigen Beurteilung. So wie die Erbfeindschaft nicht von gestern auf heute entstanden ist, so wird sie auch nicht von heute auf morgen verschwinden; aber wenn nicht alle Anzeichen trügen, und der Vf. führt Beispiele dafür an, wächst jetzt doch eine Generation heran, die nicht mehr bereit ist, dieses Feind­schaftserbe zu übernehmen. „Das Geschichtsbewußtsein, zumal das natio-

Next

/
Thumbnails
Contents