Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

Rezensionen 497 Darstellung. Mit dieser kritischen Anmerkung soll es sein Bewenden ha­ben — ein näheres Eingehen würde der wesentlichen Leistung des Vfs, die er mit immensem Fleiß und umfassender Sachkenntnis den eingangs skizzierten Gegebenheiten zum Trotz erbracht hat, nicht gerecht werden. Die Zielsetzung, „zu zeigen, wie das Land durch die Arbeit vieler Gene­rationen sein heutiges Aussehen erhielt“ und „den Anschluß an die Ge­genwart zu suchen“ (S. 9), wird in konsequenter Weise durchgehalten. Der Schwerpunkt liegt auf der Analyse der Herrschaftsformen, der Verwal­tungseinrichtungen und der wirtschaftlich-sozialen Zustände, wobei die Sympathien des Autors immer den „unteren“ Gruppierungen der jeweili­gen Gesellschaft gehören. Hier kommt allerdings gegenüber den Hand­werkern in Städten und Märkten und der Industriearbeiterschaft die Be­handlung der in der Landwirtschaft Tätigen etwas zu kurz, obwohl diese Bevölkerungsgruppe noch bis in den Beginn unseres Jahrhunderts die er­drückende Majorität bildete. Die Kirche wird fast ausschließlich in ihren politischen und materiellen Bezügen gesehen, nicht aber in ihrer seelsorg­lichen und sozialen Wirksamkeit. Besondere Dichte und Aktualität er­reicht die Darstellung bei jenen Themenkreisen, die zum Forschungsbe­reich des Vfs gehören, wie der Entwicklung des Ständewesens oder der niederösterreichischen Städte und Märkte. Daß die Stadt St. Pölten und ihre Umgebung öfter als andere Landesteile Erwähnung finden, muß der Stellung des Vfs als langjährigen Direktors des dortigen Stadtarchivs zu­gute gehalten werden. Ein nur schwer zu lösendes Problem bei einer Darstellung der Geschichte Niederösterreichs bildet die Abgrenzung ge­genüber der Geschichte des Gesamtstaates und der Herrscherhäuser, aber auch der babenbergischen und habsburgischen Herrschaftsbildungen, in die das Kernland Österreichs in besonderer Weise integriert ist. G. hat es gelöst, daß er im Mittelalter die Personen der Herrscher und die Staats­bildung, in der Neuzeit die Entwicklung der inneren Verhältnisse des Landes in den Vordergrund stellt. Ähnlich gelagerte Probleme ergeben sich für Wien, das als historische Landeshauptstadt mitbehandelt werden muß, obwohl es sich als Kaiserresidenz, europäische Metropole, Bundes­hauptstadt und eigenes Bundesland mehr und mehr absonderte. Die Glie­derung des Stoffes in oft nur wenige Jahrzehnte umfassende Querschnit­te — insgesamt 34 Kapitel — erweist sich besonders dann als nicht sehr glücklich, wenn länger dauernde Entwicklungsphasen in einzelnen Berei­chen nur mehr abschnittsweise erkennbar sind. Die Kapitelüberschriften sind nicht immer zutreffend: Unter „Die Anfänge einer Verwaltungsorga­nisation in Nieder Österreich“ (S. 25 ff) verbirgt sich etwa die Besied­lungsgeschichte im 9. Jahrhundert, in Kapitel 25 („Dreißig Jahre Krieg um Ungarn“, S. 165 ff) wird dieses Faktum nur auf zwei Seiten behandelt, auf 30 weiteren Seiten jedoch die innere Lage in Niederösterreich um die Mitte des 16. Jahrhunderts und die Glaubensspaltung. Die Kapitelgliede­rung wird — nicht immer zum Vorteil der Benützbarkeit — auch im „Verzeichnis der wichtigsten Literatur“ (S. 565—590) beibehalten, mit Aus­nahme von zwei einleitenden allgemeinen Abschnitten. Der Wert dieses Verzeichnisses auch für den Fachmann liegt in der Anführung der neue­sten Literatur, namentlich zahlreicher einschlägiger Dissertationen. Der Mitteilungen, Band 27 32

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