Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung
Rezensionen 483 vativen Reformpolitik den Wind aus den Segeln zu nehmen suchte. Wegen der Fülle des verarbeiteten Materials ist es hier kaum möglich, in Details einzugehen, doch sind ein paar Zitate beachtenswert. Nachdem die Vfn die vom neuen Hofkammerpräsidenten, dem Freiherrn von Kübeck, entworfene Finanz-, Wirtschafts- und Verkehrspolitik für Ungarn gründlich erörtert, schreibt sie folgendes: „Die materielle, politische und kulturelle Entwicklung Ungarns systematisch zu unterbinden, sie auf einer niederen Stufe zu halten, war ein integrierendes Element der Regierungspolitik von Metternich und ... Kübeck. Daher rührt ihre schroffe Ablehnung gegenüber jeglichem Opfer für die Beschleunigung der Entwicklung Ungarns, wenigstens so lange, bis es nicht aufhört, an seinen ,die königliche Macht beschränkenden“ politischen Einrichtungen festzuhalten, die Entwicklung dieser Einrichtungen in bürgerlich-liberalem Sinne voranzutreiben, bis sein politisches System sich nicht dem der Erbländer anpaßt, bis Ungarn nicht eine absolutistisch zu regierende, auf eigene Industrie und eigenen Handel verzichtende, vorwiegend — wenn nicht ausschließlich — Landwirtschaft betreibende Reichsprovinz sein wird“ (S. 204). Und kurz danach, zum Anfang eines aufschlußreichen Kapitels über Metternichs Versuche, den Palatin für seine Ungarnpläne zu gewinnen, lesen wir: „Die politischen Reformpläne, die Metternich in den vierziger Jahren in Ungarn zu realisieren beabsichtigte, waren eigentlich Projektionen der wirtschaftlichen Konzeption, für die er zusammen mit Kübeck zu dieser Zeit kämpfte. Ihre wirtschaftlichen Ziele erforderten nämlich einen viel engeren staatspolitischen Zusammenschluß, als der bisherige war. Bei Fortbestand der in der Verfassung gesicherten Privilegien“ des ungarischen Landtages und der Komitate gab es wenige Aussichten, die Metternich-Kübeckschen Wirtschaftspläne dem Lande auf zwingen zu können ... Die mehrere Jahrhunderte alten Einverleibungsbestrebungen der Wiener Regierung bekamen durch die begonnene kapitalistische Entwicklung kräftige neue Impulse und machten neue Mittel, neue Wege und Methoden notwendig“ (S. 207). Man darf hoffen, daß diese Zitate, die die Voraussetzungen der Vfn erkennen lassen, viele Historiker anregen werden, ihren Beitrag zu einem entscheidenden Kapitel der Geschichte Mitteleuropas in die Hand zu nehmen, um sich mit ihm ausführlich auseinanderzusetzen. Die Arbeit wird sich lohnen, trotz — oder wegen — der Ein wände, die gegen die Vfn erhoben werden dürfen. Denn gewiß ist die Behandlung des Themas äußerst einseitig. An den Führern der ungarischen Opposition wird nicht die geringste Kritik geübt, während Metternich für die ganze Ungarnpolitik Wiens im wesentlichen allein verantwortlich gemacht wird. Um diese These der Metternichschen Hauptschuld zu erhärten, sagt A. wenig von den Verwaltungsverhältnissen in Wien, insoweit sie die Angelegenheiten Ungarns betrafen, und von den führenden Staatsmännern der Zeit läßt sie nur Metternich in den Vordergrund treten. So übersieht sie z. B. völlig den Einfluß, den Metternichs großer Gegner, Franz Graf Kolowrat, auf die Ungarnpolitik geübt hat. Da Kolowrat wegen seiner Slawenfreundlichkeit den Magyaren besonders kritisch gegenüberstand, ist es 31*