Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

484 Literaturberichte unfair, Metternich für eine Politik verantwortlich zu machen, die bestimmt in ihren großen Linien den Ansichten vieler anderer Beamter der Zentral­verwaltung entsprach. Andererseits überschätzt A. die Einstimmigkeit zwi­schen den Beweggründen, die hinter der Ungarnpolitik Metternichs und Kübecks standen. Daß die zwei Staatsmänner eng zusammengearbeitet haben, liegt außer Zweifel, doch war Kübeck kein kritikloser Mitarbeiter des Kanzlers. Dazu war er kein Freund des von Metternich vertretenen Lokalismus, sondern eher ein überzeugter Josephiner, der in der Wirt­schaftspolitik in beiden Hälften der Monarchie einen starken Zentralis­mus erzielte. Überdies kommt gelegentlich die ungarisch-nationalistisch­marxistische Geschichtsauffassung As ziemlich naiv zum Ausdruck, insbe- sonders da, wo sie eine gewisse emotionelle Distanz verliert. Hat es wirk­lich Sinn, Metternich als Menschen zu verurteilen, weil er andere Ziele verfolgt hat als Kossuth, Wesselényi, Széchenyi u. a., und empört darüber zu sein, daß er ein schlaues Werkzeug eines in jedem Fall zum unvermeidlichen Untergang bestimmten feudalen Gesellschaftssystems war, aus dem er stammte? Interessanterweise aber sind aus As negativer Einschätzung von Metternichs Wirken in Ungarn wichtige Schlüsse zu zie­hen, denn letzten Endes liefert sie in ihrer Behandlung der vierziger Jahre einen genügenden Beweis dafür, daß weder Metternich noch die Zentral­verwaltung so handlungsunfähig waren, wie es oft behauptet wird. Ja, so zielbewußt haben sie in die ungarischen Angelegenheiten eingegriffen, daß es wohl möglich ist, daß die Revolution von 1848 eher das Ergebnis dieser energischen Tätigkeit, als das Resultat des von manchen Historikern getadelten Festhaltens am status quo darstellte. So bedenklich — und außerdem erfolglos — Metternichs Ziele und Methoden in Ungarn gewe­sen sein dürften, waren sie doch kaum Ausdruck eines greisenhaften Pes­simismus. Zum Schluß darf auf ein paar Kleinigkeiten hingewiesen werden. Obwohl die Übersetzung aus dem Ungarischen von Zoltán Jókai sehr gut ist, gibt es leider viele Druckfehler. Dazu ist das Buch etwas verwirrend aufge­baut und sicherlich überlang, hauptsächlich wegen der vielen langen Zi­tate aus Metternichs Korrespondenz. Imponierend ist der aus 154 Seiten bestehende Quellenanhang, störend jedoch das Fehlen einer Bibliographie. Überraschenderweise scheint A. das 1968 erschienene Buch von George Barany (Stephen Széchenyi and the Awakening of Hungarian National­ism, 1701—1841; vgl. MÖStA 23 [1970] 443—448), das vieles zu ihrem Thema beiträgt, nicht zu kennen. Endlich enthält der erste Satz des ersten Kapitels, der mit den Worten „Als Fürst Clemens Metternich im Jahre 1809 ... an die Spitze der österreichischen Staatskanzlei gelangte“ beginnt, einen sachlichen Fehler, da Metternich bekanntlich erst 1813, an­läßlich der Völkerschlacht zu Leipzig, von Kaiser Franz in den Fürsten­stand erhoben wurde. Vielleicht ist es der Vfn gleichgültig, daß Metter­nich im Jahre 1809 noch ein einfacher Graf' war. Das schmälert aber nichts an der Nützlichkeit dieses Buches, das nicht nur seines Themas wegen be­deutend ist. Ronald E. Coons (Storrs/Conn.)

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