Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Geschichte der Arbeiterbewegung

Rezensionen 481 So bedeutet dieser abschließende Band der Trilogie wohl einen Höhepunkt in Ms Wirken als Historiker. Das angezeigte Buch ist dem Staatsarchiv gewidmet. Es ist ein in der Darstellung wägendes und im Urteil werten­des, im besten Sinne also historio-„graphisches“ Werk, ein Denkmal der Wertschätzung des Vfs für sein Vaterland, dessen Herrscher und Staats­männer, dessen Künstler, Wissenschaftler und Arbeiter, dessen Menschen. Peter Broucek (Wien) Erzsébet Andies Metternich und die Frage Ungarns. Aus dem Ungarischen übersetzt von Zoltán Jókai. Akadémiai Kiadó, Budapest 1973. 514 S., illustr. „Seine Gestalt ist somit eine der verhängnisvollsten in der Geschichte Un­garns“ (S. 335). Mit diesem Urteil schließt die Vfn die vorliegende gründliche Monographie über die Ungarnpolitik des Fürsten Metternich ab und fordert damit zugleich die österreichische Historiographie heraus, sich nochmals mit der Persönlichkeit und dem Wirken des großen Staats­kanzlers zu beschäftigen. Denn im Gegensatz zu den „westlich-bürgerli­chen“ Historikern, die Metternich vorwiegend vom Standpunkt seiner phi­losophischen oder doch auch „europäischen“ Prinzipien betrachten, schreibt A. von einem durchaus ungarisch-nationalistischen und einem gemäßigten marxistischen Gesichtspunkt aus. Man muß diese Grundlagen nicht not­wendigerweise billigen, um der Vfn trotzdem dankbar zu sein, daß sie hier mit Eifer und einer nicht zu leugnenden Überzeugungskraft an die Schattenseite der Metternichschen Politik erinnert. Für A. ist Metternich überhaupt kein philosophischer Staatsmann, kein Vorkämpfer konsequent durchgeführter Prinzipien, die eine allgemeine Beachtung und Bewunde­rung — geschweige denn eine moderne Anwendung — verdienen, sondern schlechthin ein Vertreter der Interessen der mitteleuropäischen Feudalari­stokratie und ein kompromißloser Verteidiger und Verfechter des habs­burgischen Absolutismus. So hat, A. zufolge, Metternich sich auf den un­garischen Großgrundbesitz gestützt, um nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes aufzuhalten. In Ungarn sollten nicht die geringsten Ansätze zum Aufbau eines den Interessen des Landes dienenden Parlamentarismus geduldet werden, die östliche Hälfte der Monarchie sollte vielmehr ein Kolonialgebiet für die österreichischen Kronländer bleiben, die dort billige Rohstoffe und einen gegen ausländische oder gar ungarische Konkurrenz gesicherten Absatz­markt für ihre Industrieprodukte finden sollten. Dank ihrer Forschung in österreichischen, ungarischen, tschechischen, russischen und französischen Archiven ist es der Vfn gelungen, ihre negative Einstellung zu Metter­nichs Ungarnpolitik durch eine Menge Zitate, wie z. B. aus der inhalts­reichen Korrespondenz des Kanzlers mit dem Palatin, dem Erzherzog Jo­seph, zu belegen. Es ist hier kein blinder Metternichhaß am Werk, sondern eine auf ein tiefes Verständnis für die sozial-wirtschaftlichen Verhältnisse des Vormärz fundierte Abneigung gegen eine Politik, die den Fortschritt — oder, wie es A. ausdrückt, die „Verbürgerlichung“ — Ungarns verhin­dern wollte. Mitteilungen, Band 27 31

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