Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 27. (1974)
SAUER, Manfred: Zur Reform der österreichischen Levante-Konsulate im Vormärz
216 Manfred Sauer seine Nettoeinkünfte mit dem Internuntius teilen 76). Der kränkelnde und hochbetagte Generalkonsul starb Anfang 1822, bis zur Ankunft von Que- stieux leitete der Kanzler Ambrosio delle Grazie das Amt, da eine Neubesetzung wegen der geplanten Reformen immer wieder hinausgeschoben wurde. Dabei wäre zur Wahrung der Interessen Österreichs gerade in jener Zeit ein voll entscheidungsfähiger Generalkonsul in Smyrna erforderlich gewesen, da die Kriegswirren das Amt mit einer Fülle von Aufgaben belasteten. Besonders die Verhandlungen über die Entschädigung für konfiszierte oder geraubte Güter mit den Griechen, aber auch mit den Türken, erwiesen sich als schwierig und langwierig, obwohl durch das seit 1821 in Smyrna stationierte österreichische Levante-Geschwader eine entsprechende Unterstützung gewährleistet war. Während Smyrna von direkten Kriegsschäden verschont blieb und als Sammelpunkt für Geleitzüge einen lebhaften Schiffsverkehr aufwies, ging der Seehandel in den kleineren Hafenstädten infolge des Kaperkrieges der Griechen stark zurück. Chios und Scala nuova wurden von den Türken schwer heimgesucht und verloren auf Jahrzehnte ihre wirtschaftliche Bedeutung. Dies wirkte sich auch auf die österreichischen Vizekonsulate aus; 1822 übersiedelte der Vizekonsul de Filippo aus Scala nuova nach Smyrna77), sein Nachfolger Agrati konnte ebenfalls kein Auskommen finden und verließ 1823 die verwüstete Stadt 78). Das Vizekonsulat Chios war 1821 Franz Stiepovich anvertraut worden, nachdem sich herausgestellt hatte, daß nach seinem Vorgänger in Österreich wegen Betrug und Falschmünzerei gefahndet wurde 79). Während der türkischen Expedition gegen die Insel im Jahre 1822 gewährte Stiepovich zahlreichen Griechen, darunter vielen Katholiken, Schutz und Unterstützung, verlor aber sein gesamtes Vermögen. Für sein tapferes und selbstloses Eintreten erhielt der Vizekonsul das Lob des österreichischen Hofes ausgesprochen, für die materiellen Verluste wurde ihm eine Entschädigung gewährt80). In den Jahren 1827 und 1828 wurde Chios erneut verwüstet, Stiepovich mußte nach Smyrna fliehen und erhielt für den Verlust seiner Habe und für den Verdienstentgang wieder eine Vergütung81). In den folgenden Jahren liefen kaum noch österreichische Schiffe Chios an, das Vizekonsulat wurde daher 1831 nach Tschesme verlegt82), aber auch in diesem Hafen erzielte Stiepovich nur ein geringes Einkommen. Nachdem ihm 76) HHStA Türkei VII 9: Bericht 1815 Jänner 25; HKA Kommerz 17 1814/1, September. 77) HHStA Türkei VII 18: Bericht 1823 Februar 10. 78) FA Kommerz 17 1833/138, Juni. 7») HKA Kommerz 17 1821/56, April. so) HHStA Türkei VII 17: Bericht 1822 August 10 und Dezember 24; VII 32: Weisung 1822 Juli 16. si) HHStA Türkei VII 26: Bericht 1828 April 25; FA Präs. 1829/836. 82) HHStA Türkei VIII 2: Bericht 1830 Oktober 11.