Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte

468 Literaturberichte gung jedoch nur zur deklariert antifaschistischen Stütze eines Systems des praktizierten Faschismus, sie stützte ein System der unfertigen, nicht tota­litären, in einem gewissen Sinn pluralistischen aber doch faschistischen Diktatur. Trotz aller Kritik am System blieb sie systemimmanent, weil sie sich letzten Endes mit dem System identifizierte. Dies kam auch in der ablehnenden Haltung gegenüber der Aktion Winter zum Ausdruck. In den Gewerkschaften, in denen viele politische Gegner oft gezwun­genermaßen mitorganisiert waren, herrschte bis zuletzt das autoritäre Prinzip. Daher blieb die Politik der „Bekehrung“ erfolglos und auch die Soziale Arbeitsgemeinschaft scheiterte. Als man 1938 zur Demokratisie­rung schreiten wollte, war es dazu zu spät. Die Linke hat übrigens dies­bezüglich nie mit der Gewerkschaftsführung, sondern nur mit der Regie­rung verhandelt. Der Demokratiebegriff der Christlichen Arbeiterbewegung war ein­fach zu kompliziert, aus zu disparaten Komponenten zusammengesetzt. Der Einfluß der katholischen Kirche war groß: Man behauptete, auf dem Boden von Quadragesimo Anno zu stehen, doch wurden diese Lehren nicht einmal versuchsweise effektuiert. In einer romantischen, retrospek­tiven Gesellschaftspolitik lag die eigentliche Schwäche des ganzen Regimes. Die Haltung gegenüber den Nazis war wohl negativ, aber der Anti­semitismus, etwa nach Orel, war so stark, daß sich die christlichen Arbeiter vor dem Juli-Abkommen nicht scheuten, über Herrn v. Papén deutsche Gelder zu akzeptieren, der dieselben nicht nur gegen die Juden in Öster­reich, sondern auch gegen den italienischen Kurs und gegen Starhemberg angewendet sah. Für die Weckung des Österreich-Bewußtseins haben die christlichen Arbeiter allerdings ihren Beitrag geleistet, und als der Zusam­menbruch ihrem Wirken ein Ende setzte, dies in der Verfolgung und im Widerstand besiegelt, bis nach 1945 ein völliger Neubeginn möglich war. Mit dem ungemein anregenden Buch hat die neue Reihe einen hoff­nungsvollen Anfang genommen. Bärnthalers Studie über die Vaterländische Front behandelt vor allem die organisatorische Seite. Bei der Entstehung dieser als Sammel­bewegung gedachten Vereinigung der verschiedenen politischen Kräfte weist sie auf die innen- und außenpolitische Lage hin und unterstreicht, daß für den Erfolg Dollfuß’ die Haltung Starhembergs entscheidend wur­de. Die VF war von Anfang an autoritär und, was die Mitgliederwerbung betraf, keineswegs zimperlich. Unter ihrem Gesinnungsterror hatten vor allem die Beamten zu leiden, aber auch die Arbeitslosen, die eine Beschäf­tigung suchten. Als Gegenstück zum Nationalsozialismus gedacht, äffte sie diesen nicht nur im Organisatorischen sondern auch in der Diktion, in der Verwendung des Kruckenkreuzes usw. nach. Auch zu den ihr naheste­henden Parteien wie den Christlichsozialen stand die VF auf gespanntem Fuß, da es doch ihre Aufgabe war, alle Parteien zu liquidieren. Aber auch gegenüber der Heimwehr herrschte berechtigtes wechselseitiges Mißtrauen, und nach dem Februar 1934 gab es heftigste Auseinandersetzungen, wer mehr von den freiwerdenden Posten in den wirtschaftlichen Unternehmen der Arbeiterbewegung erben sollte. Auch aus dieser Studie geht hervor, daß die Frage des praktischen

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