Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte

Sammelreferate 469 berufsständischen Aufbaus am stärksten die Agonie des Regimes mani­festierte. Daran änderte nichts, daß, wie die Vfn. aufzeigt, an der Spitze der VF als Generalsekretäre oft sehr bedeutende und redliche Männer standen. Der scheinbare Sieg Schuschniggs über Starhemberg, die Verein­heitlichung der Wehrverbände brachten keine Wende zum bessern, im Ge­genteil: In den letzten Jahren ihres Bestehens und ihrer scheinbar unum­schränkten Herrschaft bietet die VF ein Bild der Zerissenheit, der ideolo­gischen Ratlosigkeit. Vielleicht sieht B. Schuschnigg zu negativ, wie sie Dollfuß zu positiv beurteilt hatte, da die Zersetzungserscheinungen durch die objektive Entwicklung gegeben waren. Nach der Schilderung des rühmlosen Endes befaßt sich die Vfn. mit einigen besonderen Problemen, wie speziellen Unterorganisationen der VF, dem komplizierten Verhältnis des Bundespräsidenten zur Front, der Stellung der Protestanten. Das abgewogene abschließende Urteil dieser empfehlenswerten Arbeit läßt auch positive Seiten der VF wie ihr Ver­dienst um die Weckung des österreichischen Patriotismus und ehrliche Be­mühungen auf sozialem Gebiet gelten. Dennoch fand diese Bewegung kei­ne Resonanz in der Bevölkerung, sie baute einen Führungsmythos ohne Führung auf. Die ebenfalls auf einer Dissertation bei Jedlicka beruhende Studie von R o s a r bietet uns das Bild eines komplizierten, eher unerfreulichen Charakters, einer politischen Persönlichkeit, die mehr durch Zufall, aber doch mit gewisser innerer Berechtigung beim Anschluß 1938 in Österreich im Mittelpunkt des Geschehens stand. Seyss-Inquart entstammte dem aufstrebenden Bürgertum, sein Vater war Mittelschuldirektor in Iglau. Seine Jugendeindrücke haben zunächst keineswegs einen übermäßigen Nationalismus entfacht. Erst nach dem Weltkrieg, in dem er sich als Offi­zier mehrfach auszeichnen konnte, trat er mit nationalen Kreisen in en­gere Verbindung. Sein politischer Aufstieg vollzog sich im Rahmen der Anschlußbewegung in Österreich in verschiedenen nationalen Vereinen, Organisationen und Parteien. Besonders hervorzuheben ist seine Mitglied­schaft zur Deutschen Gemeinschaft, jenem Geheimbund, dem auch der junge Dollfuß angehörte. Obwohl es da viele Klerikale gab, lernte Seyss-Inquart hier auch die entscheidenden Persönlichkeiten des An­schlußlagers kennen, wie Bardolff, Glaise, Riedl, Neubacher usw. Aber auch in anderen Organisationen wie im Deutschen Club und im Öster­reichisch-deutschen Volksbund spielte Seyss-Inquart eine mitbestimmende Rolle. Interessant sind hier seine Vertretung Neubachers als dessen An­walt im Presseprozeß gegen Bekessy im Zusammenhang mit der Interven­tion der deutschen Gesandtschaft für Schober und die Zollunionspläne bei Seipel, der damals den Posten des Vizekanzlers Otto Bauer angeboten hatte. Sein zur Schau getragener Katholizismus war, wie Seyss-Inquart sei­ner Frau einmal verriet, mehr „germanische List“. Er hinderte ihn jeden­falls nicht am Beitritt zum nationalen Heimatschutz und als sympathisie­rendes Mitglied zur illegalen NSDAP. Er trat für eine Koalition der Nationalen mit Dollfuß ein, um diesen unter allen Umständen von einem Bündnis mit den Sozialdemokraten abzuhalten, in dem er die groß-

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