Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte

Sammelreferate 465 Dissertanten, die in letzter Zeit ihre Arbeiten auf diesem Gebiet vorlegen können, wobei vieles auch publiziert wird. Es ist nicht mehr nur die Wie­ner Schule unter Jedlicka allein, die ihre Produkte der Wissenschaft mit einem gewissen Pionierstolz zur Kenntnis bringt. Auch an den Hochschu­len der Bundesländer, vor allem in Salzburg und Linz, wird intensiv auf zeitgeschichtlichem Gebiet gearbeitet und in eigenen Produktionsreihen veröffentlicht. Vom Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Linzer Hochschu­le Stadler erschien in einer Reihe Darstellung moderner Staaten ein Werk über das heutige Österreich und seine jüngere Geschichte, dem inso­fern ein großes Verdienst zukommt, als es wenigstens im angelsächsischen Raum mit dem historischen Ballast, dem dort noch immer das Österreich- Bild ausgesetzt ist, auf räumt. Der Vf. selbst hat lange Jahre an einer englischen Universität gewirkt und sein Buch ist auch in der Auswahl der Illustrationen etwa auf ein englisches Publikum zugeschnitten. St. legt das Schwergewicht auf das heutige Österreich und dessen formative Elemente bzw. auf die heutigen Österreicher und ihren Weg zur österreichischen Nation. Insofern ist das Werk auch durchaus für den Leser in Österreich eine empfehlenswerte Lektüre, wenn sich nicht früher oder später ein Verlag zu einer Übersetzung entschließt. St. gibt einleitend einen Überblick über Wirtschaft und Geographie des Landes sowie einen kurzen Aufriß über die frühere Geschichte, die Habs­burger-Zeit und das eigentümliche Verhältnis der Österreicher zum Reich. Ausführlich wird die Darstellung erst mit dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Monarchie. Der Vf. untersucht die Lösungsversuche zur Nationalitätenfrage im alten Donaustaat und weist nachdrücklich auf die Konzeptionen der Sozialdemokraten hin. Bei der Darstellung von den Verhandlungen in St. Germain kann er sich auf eigene frühere Detailfor­schungen stützen. Viel Platz widmet St. der Anschlußfrage und anderen Hypotheken der Ersten Republik wie Revisionismus, Legitimismus und Deutschnationalismus sowie der verbreiteten Neigung der Österreicher zum Antisemitismus. Über die Schwächung der Demokratie führte der Weg zum Austrofaschismus und in die deutsche Okkupation. Hier über­schätzt dann der Vf. m. E. den Widerstand in Österreich seinem Umfang nach. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Befreiung geht St. ausführlich auf die politische Genesung und den wirtschaftlichen Aufstieg der Zwei­ten Republik ein, wobei ihm auch die neue Außenpolitik, die Neutralität und die Rolle bei der UNO als bedeutsam erscheinen. Ein interessanter Epilog mit aufschlußreichen Befragungsergebnissen über das Thema österreichische Nation' schließt das nützliche Werk. So begrüßenswert eine Darstellung des gesamten Stoffes von einem neuen Gesichtspunkt und aus der Perspektive der bisher in der Katheder­historie Österreichs sehr zu kurz gekommenen Linken ist, so wesentlich bleibt doch der Fortschritt der Detailforschung, der naturgemäß ebenfalls zu neuen Aspekten im Großen führen wird. Hier ist für den Beginn der Ersten Republik die Studie Hochenbichlers hervorzuheben, der vor allem auf Grund von Archivalien im Nachlaß Schobers im Wiener Polizei­archiv, aber auch der diplomatischen Akten im Österreichischen Staats­Mitteilungen, Band 26 30

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