Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Zeitgeschichte

466 Literaturberichte archív beweist, wie verhängnisvoll die Auflösung der großen Koalition und das Ausscheiden Renners gerade für die österreichische Außenpolitik waren. Die Darstellung ist stark durchsetzt mit ausführlichen Quellenstel­len, aber sehr gut lesbar. Der Vf. behandelt im Vordergrund die Burgen­landfrage, die, von günstigen Voraussetzungen ausgehend, schließlich der österreichischen Politik Enttäuschungen brachte. Hier bestimmt den Hintergrund die Politik Schobers, der sicherlich durch sein Bemühen um ausländische Kredite in seiner Bewegungsfreiheit gehemmt wurde, der aber, wie H. schlüssig nachweist, durch seine tief­verwurzelten monarchistischen Anschauungen etwa beim zweiten Putsch Karls in Ungarn oder in seinem Verhalten gegenüber dem „Zerstörer der Monarchie“ Benesch seine Grenzen gerade gegenüber Ungarn sich selbst zog. Es werden eine Reihe persönlicher Zeugnisse Schobers dazu im Wort­laut gebracht. So hat Schober die von Renner in seiner Abmachung mit Benesch in Prag vom 12. Januar 1920 (deren Text hier zum ersten Mal zur Gänze veröffentlicht wird) vorgezeichnete Linie einer Annäherung an die kleine Entente und damit an die Westmächte nicht mehr fortgesetzt, denn der Vertrag von Prag vom 16. Dezember 1921 setzte schon ganz andere Ak­zente. Immerhin muß man Schober zugestehen, daß er sogar hier auf star­ken Widerstand nicht nur bei den Großdeutschen wegen der sudetendeut­schen Frage, sondern auch bei den Christlichsozialen stieß. H. schließt mit einem Blick auf Schobers Erfolg in Genua und weist nach, wie dieser durch Seipels Politik, die zum Sturz des Rivalen, dem er keinen Erfolg gönnen mochte, führte, zum Schaden für Österreich zunichte wurde. Auf seiner Dissertation beruht die Salzburger Studie von A r d e 11 über das deutschnationale Gedankengut in Österreich. Diese ideenge­schichtliche Arbeit stützt sich hauptsächlich auf publizistische Quellen und endet mit 1930, also vor den großen Einbrüchen der Nationalsozialisten ins großdeutsche Lager. Der Vf. untersucht, wie weit in der bürgerlichen Ideologie Rassenlehre, Antisemitismus usw. eine Rolle spielen, und be­schäftigt sich ausführlich mit dem unwissenschaftlichen Volksbegriff und der Hypostasierung des Volks als Persönlichkeit. Eine große Rolle spiel­ten zunächst auch die Lehren Spanns über eine ständische Ordnung mit ihren starken antiparlamentarischen Akzenten. Im großen und ganzen scheidet A. die Deutschnationalen Österreichs ideologisch in zwei Gruppen, wobei die Anhänger der Großdeutschen Volks­partei trotz allem bürgerlichen Vorurteil von demokratisch-freiheitlichen Vorstellungen beherrscht werden, während die andere Gruppe, in sich viel­fach nach Strömungen aufgegliedert, den Ständestaat oder die moderneren Formen des Faschismus als politische Leitbilder akzeptierte. Aus diesen ist dann der Nationalsozialismus in Österreich hervorgegangen. Auch die Heimwehrbewegung war trotz aller gemeinsamen faschisti­schen Kriterien in ihren ideologischen Tendenzen ebenso verschieden wie in ihren politischen Konzepten. Die Unterschiede erstrecken sich über die einzelnen Bundesländer, werden aber oft auch von den Intrigen einzelner Machtgruppen in der Führerschaft getragen. Der amerikanische Historiker

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