Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)
KANN, Robert A.: Paraphrase zum Thema „Kaiser Franz Joseph und der Ausbruch des Weltkrieges“
450 Robert A. Kann gewiß(,) Rußland kann sich doch unmöglich diese Note gefallen lassen.“ “ Ich sagte darauf, das ist allerdings überzeugend, aber wie gesagt kommt es mir überraschend. „Ja“, sagte Bilinski, „der Kaiser war immer für den Krieg. Wissen Sie denn nicht, der Kaiser wollte ja schon im Jahre vorher Krieg haben.“ Ich fragte, „so?“ „Ja“, sagte er, „das war damals bei dem Streit um Skutari, da war schon alles parat“. Auf den Einwand Kanners, daß es sich ja damals offenbar nur um Montenegro gehandelt habe, meinte Bilinski: „Mit Montenegro sollte nur der Anfang gemacht werden, wir waren aber schon damals fest entschlossen, von Montenegro aus nach Serbien zu gehen und mit Serbien endgültig abzurechnen.“ „Nun“, meinte ich darauf, „da wäre schon damals ein europäischer Krieg entstanden“. „Selbstverständlich“, sagte Bilinski ...5). Wenn Bilinski hier erklärt, der Kaiser sei immer für den Krieg gewesen, so bezieht sich diese Äußerung im Zusammenhang nur auf die Zeit seit den Skutarikrisen vom Mai und Oktober 1913. Das gilt wohl auch für die Unterredung vom 22. Dezember 1916, wenn Bilinski wiederum erklärt: Der alte Kaiser sei aber schon längst zum Krieg fest entschlossen gewesen. „Ich habe Ihnen ja gesagt“, fügte Bilinski hinzu, „wegen Skutari im Frühjahr 1913 wollte er unbedingt Krieg machen“. Ich sagte darauf, „der Kaiser hat damals vielleicht gemeint, es handle sich um einen kleinen Krieg, vielleicht mit Montenegro und vielleicht auch mit Serbien, aber doch nicht um einen europäischen Krieg“. „Nein, nein“, sagte Bilinski, „ich habe es Ihnen ja schon einmal erzählt, nach der serbischen Note habe ich den Kaiser ausdrücklich einmal gefragt, ob nicht da ein Krieg mit Rußland entstehen könne, darauf hat der Kaiser geantwortet: Selbstverständlich, Rußland kann doch diese Note unmöglich hinnehmen“ “ 6). Zum dritten Mal kommen Bilinski und Kanner auf die Haltung des Kaisers in einer Unterredung vom 9. März 1917 zu sprechen und zwar handelt es sich diesmal um Vorgänge zwischen dem 1. und 3. Juli 1914: Ich fragte nun Bilinski nach der Haltung des Kaisers Franz Joseph. Er wiederholte, was er mir schon früher gesagt hatte, daß der Kaiser von Anfang an zum Krieg entschlossen war. Ich sagte nun, er habe vielleicht damals gemeint, daß es sich bloß um einen Krieg gegen Serbien handeln würde. Bilinski sagte darauf, nein, das hat man schon gewußt, daß das ein großer Krieg werden kann, der Kaiser speziell hat damit gerechnet. Er wiederholte mir dabei, was er mir schon früher erzählt hatte, wenn er nach dem Ultimatum den Kaiser gefragt habe, ob nicht zu befürchten sei, daß Rußland sich einmengen würde, worauf der Kaiser gesagt habe: Rußland kann das unmöglich hinnehmen 7). Im wesentlichen hat Bilinski also in allen drei Unterredungen, die sich auf die Vorgänge zwischen Mai 1913 und Juli 1914 beziehen, ziemlich genau dasselbe gesagt, nämlich daß Rußland, nach der Auffassung des Kaisers, die österreichische Aktion gegen Serbien bzw. unter Umständen sogar Montenegro nicht hinnehmen könnte und daß dies zum Krieg mit 5) Ebenda 12 f. ®) Ebenda 14. 7) Ebenda 16.