Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

KANN, Robert A.: Paraphrase zum Thema „Kaiser Franz Joseph und der Ausbruch des Weltkrieges“

Franz Joseph und der Ausbruch des Weltkrieges 451 Rußland führen müsse. Den weiteren logischen Folgeschluß, daß sich dieser Krieg dann zu einem europäischen Krieg ausweiten würde, hat allerdings Bilinski und nicht der Kaiser selbst gezogen. In diesem Zusammenhang bemerkt der Rezensent, daß sich mir in meinem „Eifer ... auch die äußeren Zusammenhänge verwirren“. So be­ziehe ich „die Angabe über eine Äußerung des Kaisers vom 19. Juli 1914 ... auf das Oktoberultimatum von 1913, womit Franz Josephs angebliche Kriegslüsternheit für ihn“ (für mich) „schon zu diesem Zeitpunkt fest­steht“ 8). Tatsächlich ist zunächst die Reihenfolge der in Frage stehenden Äußerungen des Kaisers völlig richtig zitiert. Auf sie gründet sich ja auch die Information des Rezensenten. Die abgekürzte Wiederholung des Zi­tats auf S. 16 meines Aufsatzes ist als bloße Subsummierung der kaiser­lichen Meinung gedacht, daß sich Rußland die ultimative Note an Serbien „unmöglich ... gefallen lassen konnte“ 9). Wenn der Rezensent statt „Ok­toberultimatum“, Mainote oder Mai-Ultimatum geschrieben hätte, denn darum handelt es sich, könnte ich ihm insofern zustimmen, als die ver­kürzte nochmalige Zitierung die Entstehung eines Mißverständnisses offensichtlich erleichtert hat. Soweit sich die Zitate auf die faktische Hal­tung des Kaisers selbst beziehen, ist allerdings selbst unter einem scharfen Mikroskop kaum ein Unterschied festzustellen. Der Kaiser hat nach Bi­linski im Mai 1913 auf die Frage des Ministers, ob die Note nicht zu einem Krieg mit Rußland führen könnte, geantwortet: „Selbstverständlich, Ruß­land kann doch diese Note unmöglich hinnehmen.“ Er hat am 20. Juli — nicht am 19., wie der Rezensent sagt — auf die Befürchtung Bilinskis hin, das Ultimatum könne zu einem europäischen Krieg führen, erklärt: „Das gewiß (,) Rußland kann sich doch unmöglich diese Note gefallen lassen“ 10 11). Es würde sich nicht verlohnen, gerade auf dieses Detail ausführlich zurückzukommen, wenn es der Rezensent nicht mit meinem Eifer, den Kaiser der „Kriegslüsternheit“ zu bezichtigen, in Verbindung bringen würde u). Bevor ich auf diesen Punkt kurz zurückkomme, wende ich mich dem Hauptproblem der Studie, der Wägung des Quellenwertes der Kan- nerschen Aufzeichnungen und der Aussagen Bilinskis, und hier vor allem der inneren Wertbestimmung der Quellen, zu. In meinem „Eifer“ habe ich etwa zwei Drittel der Studie auf diese Untersuchung verwendet und sozu­sagen als advocatus diaboli alles zusammengetragen, was gegen die Ver­läßlichkeit Kanners und Bilinskis spricht oder richtiger, sprechen könnte. Ich habe u. a. angeführt, daß Kanner dem Regime des Kaisers keineswegs objektiv gegenüberstand und sogar völlig absurde Ansichten erwähnt, wie 8) Neck Erster Weltkrieg 497. 9) Kann Kaiser Franz Joseph 16. 10) Ebenda 12, 14, 16. 11) Neck Erster Weltkrieg 497. 29*

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