Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 26. (1973)

BROUCEK, Peter: Kronprinz Rudolf und k. u. k. Oberstleutnant im Generalstab Steininger. Eine kleine Ergänzung zur Mitis-Biographie

446 Peter Broucek Den ersten Brief schickte ich durch die Post, den zweiten sandte ich an den Botschafter Graf Széchényi2) mit der Bitte ihn zustellen zu lassen, und den dritten beförderte Sections Chef Szögyeny 3) nach Berlin. Ihrer diplomatischen Routine wird es nicht schwer fallen heraus zu finden, ob die Briefe in die Hände der Herrschaften gelangt sind, und warum ich auf keinen eine Antwort, nicht das geringste Lebenszeichen, erhalten habe. Nun muß ich Ihnen noch eine Sache schreiben, von der ich Sie bitte, weder ihrem Botschafter noch irgend jemand gegenüber eine Erwähnung zu thun. Ein Herr, dem ich mein Wort gab seinen Namen nicht zu nennen, ich will nur so viel sagen, daß er mit mir verwandt ist 4), sagte mir er sei in den letzten Tagen hier in Wien bei der bekannten Kupplerin Wolf gewesen, die schon seit Jahren hie und da mit Prinz Wilhelm in Verbindung steht, und diese Frau habe ihm mitgetheilt, sie wisse Dinge aus Berlin, die man hier hören soll, nur wolle sie es unter der Garantie der vollen Verschwiegenheit, und ohne für ihre Aus­sagen entlohnt zu werden aus purem österreichischem Patriotismus erzählen. Ich schickte diesen Herrn wieder hin und sagte ihm er solle sagen, sie könne ihm alles mittheilen und er stehe gut dafür daß niemand etwas von der Sache erfahren werde. Ihre Aussagen sind folgende: Prinz Wilhelm besuchte im Laufe des Winters sehr oft eine Österreicherin, die Ella Somsics heißt und Linkstraße 39 wohnt, sie war früher die Geliebte unseres Botschafters 5). Dieser Ella sowohl, als auch der alten Wolf gegenüber, welche kürzlich in geschäftlichen Angelegenheiten in Berlin war, äußerte sich Prinz Wilhelm in gehobener Weinstimmung auf das tactloseste über seine intimsten Gedanken. Er sprach nicht ganz respectvoll über unseren Kaiser, sehr abträglich über mich, verglich mich mit seinem Vater als eitlen, künstlerisch, schriftstellerisch verjudeten Popularitätshascher, ohne Charakter; ohne Tüchtigkeit, etc. etc., dann meinte er, es gehe nur in Preußen alles gut; in Österreich sei der ganze Staat morsch, der Auflösung nahe, werde in sich zusammenbrechen, die deutschen Provinzen werden als reife Frucht Deutschland in den Schoß fallen, sie werden als unbedeutendes Erzherzogthum in noch abhängigerer Stellung als Bayern unter Preußen kommen. Der Kaiser von Österreich kann als unbedeutender Monarch, wenn er will, sein Leben in Ungarn fortfristen. Preußen wird nichts thun, um das rasch herbeizuführen, es kommt ja ohnehin sehr bald von selbst. Ferner sagte er, er jage gern mit uns, wir seien alle angenehme Leute, aber unbrauchbare, verweichlichte Schlemmer, die nicht mehr lebensfähig sind. In der Politik gibt es keine Sympathien; seine Aufgabe wird es sein Deutsch­land auf unsere Kosten zu vergrößern. Nachdem er noch seinen Großvater und 2) Emerich Graf Széchényi von Sárvár und Felső-Vidék (15. Februar 1825 Wien—11. März 1898 Budapest), 27. Dezember 1878—10. Oktober 1892 k. u. k. Botschafter in Berlin. s) Ladislaus von Szögyényi-Marich (12. November 1841 Wien—11. Juni 1916 Csor bei Stuhlweißenburg), ab 2. Mai 1883 erster Sektionschef im k. u. k. Mini­sterium des Äußeren, 1892—1914 k. u. k. Botschafter in Berlin. 4) Vielleicht der Schwager des Kronprinzen Philipp Prinz von Sachsen-Co- burg-Gotha (28. März 1844 Paris—4. Juli 1921 Coburg). 5) Über Frau Wolf und Ella Somsics brachten Nachforschungen im Archiv der Stadt Berlin, im Allgemeinen Verwaltungsarchiv Wien, im Archiv der Poli­zeidirektion Wien, im Niederösterreichischen Landesarchiv sowie im Archiv des Landes und der Stadt Wien kein Ergebnis.

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