Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

GOLDINGER, Walter: Der archivalische Grundstock der Autographensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek

74 Walter Goldinger das geheime Staats-, Hof- und Hausarchiv die schönsten Materialien besitzen müsse, wobei er von vornherein nur an Schreiben unwichtigen Inhalts, wie Gratulationen usw., denke. Wie stellten sich nun die Archi­vare zu diesem von Metternich sichtlich geförderten Ansinnen? — Dies zeigt der Bericht des Archivdirektors Knechtl vom 10. Dezember9). Er schreibt: Wenn auch die Kunst, aus den Schriftzügen den Charakter des Schreibenden herauszufinden, ebensowenig verläßlich ist wie Lavaters Physiognomik und Dr. Galls10 11) Cranologie, so ist doch gewiß, daß der Anblick der Handzüge eines berühmten Mannes auf den Beschauer einen sehr lebhaften Eindruck macht und dem Bild, das er von ihm in der Seele trägt, gleichsam Farbe und Haltung verleiht. Gewiß käme so man­ches für die Hofbibliothek in Betracht und sei es auch bloß um der Kuriosität willen. Diese sei auch weit besser als das geheime Hofarchiv geeignet, „die Wißbegierde oder die Schaulust in dieser Hinsicht zu befriedigen“. Dieser Gedanke wiederholt sich, wie wir sehen werden, in den verschiedenen Stellungnahmen der Archive und Registraturen ständig. Immer wieder heißt es, die Hofbibliothek sei dem Publikum zugänglich 11), die Archive aber ihrer Natur nach nicht. Selbstverständlich will sich Knechtl auf Neujahrswünsche, Gratulationen, Notifikationen beschränken. Bei Stücken jedoch, die teils politisches, teils historisches Interesse hätten, könnte man im äußersten Falle daran denken, durch Beauftragte der Hof­bibliothek unverfängliche Stellen unter Aufsicht der Archivbeamten fak­similieren zu lassen 12). Soweit wollte Metternich gar nicht gehen, er erließ daher am 15. De­zember eine Weisung, die Autographen mit den beantragten Beschrän­kungen und Vorsichten auszufolgen. Das hieß: Abgabe von bloßen Zere- monialschreiben, wobei auch bloß die Unterschrift autograph sein konnte. Über die Durchführung der ganzen Aktion liegen Verzeichnisse vor, die erweisen, daß die gedachten Grundsätze im wesentlichen eingehalten wurden; immerhin wurden in mehreren Arbeitsgängen 822 Stück abge­geben. Von den Auslieferungen im besonderen Ausmaß betroffen war das Lothringische Hausarchiv 13 * iS)). Durch den Erfolg bei Metternich ermuntert, setzte Dietrichstein nach der Jahreswende 1829 seine Bemühungen auch nach anderen Richtungen fort. Am 4. Jänner wandte er sich an den Vizepräsidenten der Hofkammer, Grafen Taaffe, mit einem gleichen Ansinnen. In diesem Falle stieß er aber ») HHStA Kurrentakten 19/1828. i») ADB 8 (1878) 335. 11) Darüber zuletzt Laurenz S t r e b 1 Gedanken zur Benützungsgeschichte der k. k. Hofbibliothek, der heutigen Österr. Nationalbibliothek in Festschrift für Josef Stummvoll 1 (Museion N. F. 2, Wien 1971) 340—347. 12) HHStA Kurrentakten 20/1828. iS) Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs 2 (Wien 1937) 69.

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