Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
POSCH, Fritz: Das Archivwesen der Länder und die Entstehung der österreichischen Landesarchive
60 Fritz Posch 1(c) Waren die Musealarchive und die Archive der historischen Vereine Sammelarchive, die für die Zwecke der Geschichtswissenschaft angelegt wurden, bildeten die Landschaftsarchive die Hauptgrundlage und die eigentlichen Vorläufer der Landesarchive, welcher Name ihnen auch vor der wissenschaftlichen Organisierung als Landesarchive mitunter gegeben wurde. Solche landschaftlichen bzw. ständischen Archive gab es in allen alten Ländern. Sie waren zumeist aus den seit dem 16. Jahrhundert errichteten ständischen Verwaltungen hervorgegangen. Im allgemeinen kann man den Zeitpunkt der Trennung von Archiv und Registratur als den Beginn des landschaftlichen Archivs oder sogar Landesarchivs anse- hen. In manchen Ländern ist diese Trennung nie erfolgt, in anderen geht das landschaftliche Archiv nahtlos in das Landesarchiv über, d. h. beide werden als identisch angesehen, besonders in jenen Ländern, in denen es weder Musealarchive noch Vereinsarchive gab. In Mähren wurde 1794 das Archiv der Landschaft von der Landtafel abgetrennt und dem Landesausschuß übergeben und bildete fortan einen Bestandteil der ständischen Landschaftsregistratur unter der Aufsicht des ständischen Registrators. 1839 wurde Anton Boczek, der 1828 bis 1830 als Praktikant in der Gubernialregistratur gearbeitet hatte und seit 1831 Professor der böhmischen Sprache und Literatur an der mährischen ständischen Akademie in Olmütz war, zum ständischen mährischen Archivar ernannt. Das Hauptaugenmerk der Instruktion von 1841 war aber noch auf die Erforschung der fremden, für die landesgeschichtliche Forschung belangreichen Archive, auf Kopierund Exzerpierarbeiten, durch die man ein eigentliches Landesarchiv schaffen wollte, gerichtet 35). In Niederösterreich gab es ebenfalls seit dem 16. Jahrhundert eine ständische Registratur mit zuerst einem Registrator, später einem Registratursdirektor und mehreren Beamten 36). 1863 wurde der erste ständische Archivar ernannt, doch kommt für das niederösterreichische ständische Archiv schon 1861 erstmals der Name Landesarchiv vor 37). Das landschaftliche Kanzleiwesen reicht auch in Oberösterreich bis in das 16. Jahrhundert zurück. Für das ordnungsgemäße Versehen des Archivdienstes war der landschaftliche Sekretär verantwortlich, dem eine Anzahl von Schreibern zugewiesen war. Der später ihm beigegebene zweite Beamte besorgte hauptsächlich das Amt eines Registrators und Archivars 38). Für dieses ständische Archiv wird 1861 zum erstenmal der Name Landesarchiv gebraucht, der sich neben dem Titel des Landesarchivars allmählich einbürgerte, obwohl es noch kein eigentliches Landesarchiv im späteren Sinne war. Dr. Ferdinand Krakowitzer wurde 1875 offiziell zum „Landesarchivar und Registrator“ er35) Ebenda 18. 36) Anton Mayer Das Archiv und die Registratur der niederösterreichischen Stände von 1518 bis 1848 in Jahrbuch des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich 1 (1902) 91 ff. 37) Max V a n c s a Die niederösterr. Landesbibliothek in Monatsblatt des Vereins für Landeskunde und Heimatschutz von Niederösterreich und Wien 1 (1926) 67. 38) Zibermayr Landesarchiv 118.