Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
POSCH, Fritz: Das Archivwesen der Länder und die Entstehung der österreichischen Landesarchive
52 Fritz Posch 1(a) Was die museale Wurzel anlangt, ging die Steiermark allen anderen Bundesländern voran, denn die Gründung des „Joanneum“ in Graz durch Erzherzog Johann war das Vorbild für zahlreiche andere Landesmuseen in Österreich. Für Erzherzog Johann, der sich zeitweise selbst zum Geschichtsschreiber berufen fühlte und sich noch 1811 mit dem Gedanken trug, eine Geschichte Innerösterreichs zu schreiben, war die Geschichte „die Wissenschaft aller Wissenschaften“. In seinen historischen Interessen wurde er besonders von Johannes v. Müller und Josef Freiherrn v. Hor- mayr, dem Direktor des Haus- und Hofarchivs in Wien, gefördert und beeinflußt. Letzterer scheint ihn in der Richtung beraten zu haben, daß eine Geschichtsschreibung der innerösterreichischen Länder erst nach der Schaffung eines Zentralarchivs möglich sei. Der Erzherzog begann daher selbst mit der Sammlung von Materialien und ließ aus dem Hausarchiv in Wien und aus dem ständischen Archiv in Graz alles abschreiben, was er für eine Erforschung der Geschichte Innerösterreichs für wichtig hielt. Auch die Privatarchive und die Archive der Klöster und Städte wollte er zu diesem Zwecke heranziehen. Diese ganze Sammlung wollte er in das von ihm schon damals geplante Museum geben, damit ein künftiger Forscher das Material hier beisammen habe. Die Förderung der vaterländischen Geschichte proklamierte der Erzherzog als eine der wesentlichsten Aufgaben des von ihm im Jahre 1811 begründeten Joanneums, bei dem das Quellenmaterial gesammelt werden sollte. „Alles dies soll einst, wenn alle Materialien beisammen sind, die Geschichte des Landes zeigen“, heißt es bereits im ersten Entwurf seines Aufrufes. Noch klarer drückt sich die Kurrende vom 10. September 1811 aus, worin sämtliche Werbbezirke der Steiermark und Kärntens aufgefordert werden, durch Einsendung von Archivalien an das neugegründete Landesmuseum Joanneum zur Förderung der Vaterlandsliebe beizutragen, denn die bisherigen Arbeiten seien entweder nur diplomatische Bruchstücke oder Stapelörter längst ausgemerzter Fabeln, und den Annalen Caesars fehle jener Geist, durch den allein die Geschichte die Lehrerin aller Zeiten und etwas mehr sei, als ein bloßes Repertorium von Namen und Zahlen und unnützen Streitfragen. Der Weg zu diesem hohen Ziele sei das Sammeln der Quellen, die in den Archiven der Klöster, Städte, Herrschaften, adeligen Familien und in Bibliotheken liegen. Alle Stifte, Klöster, Pfarren, Magistrate, Werbbezirke, Ortsgerichte, Gutsbesitzer und Einwohner wurden in diesem Aufruf aufgefordert, Urkunden, Archivalien, geschichtliche Nachrichten, Korrespondenzen in Staatsangelegenheiten etc. abschriftlich an ihr vorgesetztes Kreisamt einzusenden, von wo sie in das Landesmuseum gebracht und dort geordnet werden sollten, so daß es dann möglich sei, eine Geschichte Innerösterreichs von der Urzeit an zu verfassen. Bei der Errichtung des Museums wurde der Geschichte der erste Platz angewiesen. In dieser ersten Abteilung sollten alle Urkunden und anderen Archivalien in diplomatisch getreuen, beglaubigten Abschriften gesammelt und chronologisch verzeichnet werden. Zu dieser Abteilung gehörten weiters alle Grabsteine, Inschriften, die inländischen Münzen,