Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

GRUNEBAUM, G. E. von: Von Sinn und Widersinn der Biographie

Von Sinn und Widersinn der Biographie 441 für einen kurzen Augenblick an die Oberfläche; sein künstlerisches Gegen­bild ist gleichsam eine ruhende Monade. Die Kunst ist vielleicht die einzige, jedesfalls die gewaltigste Waffe des Menschen, seiner eigenen Vergänglichkeit wie der schaurigen Wesenlosigkeit seiner Erlebnisse zu widerstehen — ist es da verwunderlich, daß das Feinste und Eigentlichste des immerwährenden Wandels, in den wir suchend Verlorenen geschleu­dert sind, mit ihren Mitteln nicht festgehalten werden kann? Mit dem bleibend Gültigen, mit dem Wesenhaften hat es die Kunst zu tun. Das Ereignis bekümmert sie nur insofern, als sich der Mensch in ihm und an ihm entfaltet. Das Geschehen wird wichtig, wenn sich der Mensch in ihm verrät. Diese Erkenntnis führt nicht bloß zur Ablehnung des biographischen Romans im allgemeinen, der allein von der Anziehung seines Handlungs­gehaltes lebt, sondern auch zur neuerlichen Verkündigung der ewigen Forderung nach der Zeitlosigkeit großer Kunst, die man immer und über­all schon darum nachdrücklich erheben darf, weil der Kontakt mit den Zufälligkeiten des jeweiligen armseligen Augenblicks sich von selbst er­gibt und nur bei hoher Wachsamkeit der rasche Zerfall der Leistung in die kleinen Belanglosigkeiten ihrer Geburtsstunde vermieden werden kann. So große Dienste die Einbeziehung der Psychologie — das Wort hier im Sinn künstlerischen Einfühlungsvermögens verstanden — der histori­schen Wissenschaft, selbst gegen den Willen vieler ihrer jetzt noch füh­renden Vertreter, leistet und leisten wird, so wenig ist der Kunst mit verzerrenden Deutungen des an sich Erheblichen geholfen. Die wirk­lichen Meister der historischen Epik haben zumeist Nebenpersonen der geschichtlichen Entwicklung und überdies frei ersonnene Gestalten zu Trägern des künstlerischen Geschehens gemacht. Vor dem Hintergrund der Zeit, die ihnen die günstigste Möglichkeit zu vollendeter Selbst­entfaltung gewährt, durchleben die Figuren der großen Erzähler ihr mehr oder weniger von Zeitereignissen durchflochtenes Schicksal. So ist in diese Geschöpfe der Phantasie das Wesen und die Stimmung von Zeiten eingegangen, denen heutige, von der Absicht, Vorbilder oder gar bloß politische Typen vorzuführen, eingegebene Bücher auch nicht im entferntesten gerecht zu werden imstande sind. Die Phantasielosen mögen von der Kunst lassen. Die Wissenschaft ist ihrer in ihren führenden Geistern schon beinahe Herr geworden. Soll die Kunst von ihr lernen müssen, daß freie Schöpfung das höchste Vorrecht und die höchste Aufgabe des Menschen ist? Man glaube nicht, daß die Gegenwart es sich nicht leisten könne, sich von den ewig Unfruchtbaren loszusagen. Es fehlt unserer Zeit nicht an Phantasie. Was ihr mangelt, ist einzig der Mut, sie zu gebrauchen.

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