Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

GRUNEBAUM, G. E. von: Von Sinn und Widersinn der Biographie

440 G. E. von Grunebaum f stimmten Vertrautheit, die die Mehrzahl der Leser dem bedeutsamen Stoff etwa noch von der Schule her entgegenbringt, nicht versagen, und arbeitet, verführt von der Macht erhabener Assoziationen, ohne Scheu mit dem peinlichen Kunstmittel der Prophezeiung ex eventu, sei es in unverhülltem Mißbrauch unseres Wissens um die historische Entwicklung, sei es in der Form, daß er unsere Auffassung von Wesen und Werden der Dinge durch die Aussprüche und Wertungen des betreffenden großen Mannes bestätigt werden läßt, daß er also irgendwelche Anschauungen, die uns lieb oder auch nur gewohnt sind, durch die gewichtige Autorität des Helden rechtfertigt. Dem widerspricht nicht die Tendenz, manche Ereignisse abwegig oder jedesfalls abweichend auszulegen und wiederzu­geben, eine Tendenz, die nur selten zu echtem Verständnis geleitet und zumeist bloß das Einmalige in die Sphäre glatter Normalität verstrickt. Die historischen Zitate, die irgendwie untergebracht werden, verstärken noch den Eindruck, daß ein ganz bestimmtes Gefühlsbild im Leser er­weckt werden soll, dem Stolz eines kleinen Mannes nicht ganz unähnlich, bei dem ein Prinz zu Gast gewesen. Schwächen und Fehler, die eine ganze Gattung entstellen, haben im allgemeinen in einer grundsätzlichen Unklarheit ihre Ursache. Man ist der Frage geflissentlich ausgewichen, wie sich künstlerische Forderung und geschichtlicher Stoff prinzipiell zueinander verhalten. Die Theorie­feindlichkeit der Zeit ist wieder nichts anderes als ein Symptom ihrer gehemmten Unsicherheit, insofern sie allen Grund hat zu fürchten, sich in einer Reihe von Pseudo-Werten und Pseudo-Werken verurteilen zu müssen. Zu ihrer Verteidigung hat sie das Dogma von der Leblosigkeit des Denkens ersonnen. Es ist schwer, sich darüber Rechenschaft zu geben, daß gerade das Geschehen, das sich um epochale Persönlichkeiten rankt, motivisch allzu verwickelt ist, vor allem zu viele Sach- und Kollektivursachen in sich birgt, als daß man es auf das Bild einer menschlichen Entwicklung zu­rückführen könnte, ohne in Oberflächlichkeit oder aber in läppisch über­spitzte Pointierung zu verfallen. Der Mythos, das Bild des Ruhmes, das nachfolgende Generationen aus der genialen Erscheinung geformt haben, eignet sich wohl zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, keines­wegs aber zum selbständig handelnden Mittelpunkt eines künstlerischen Gefüges. Beschränkt sich die romanhafte Auslegung aber auf das wahre menschliche Maß, so verkleinert sie ungebührlich den historischen Ver­lauf, zu dem das Ungreifbare in Legende und Sachbezug eben doch un­löslich gehört. Der Einwand muß sogar noch erweitert werden. Die künstlerische Haltung ist zwar nicht als eigentlich unhistorisch, jedoch als ahistorisch zu bezeichnen. Diese Feststellung trifft weniger den Gegenstand als das Werk. Unerbittlich widerspricht der Absolutheit­anspruch jedes Kunstgebildes der flüchtigen Bedingtheit des historischen Vorfalls. Das Ereignis taucht aus dem dynamisch bewegten Lebensstrom

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