Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

GRUNEBAUM, G. E. von: Von Sinn und Widersinn der Biographie

Von Sinn und Widersinn der Biographie 439 und ausgibt, obliegt, ihre Tragfähigkeit am geschichtlich aufgespeicherten Stoff zu legitimieren. Wie weit und mit welcher Auswahl der Erweis unternommen wird, ergibt ein nahezu unbedingtes Kriterium für ihre Art und ihren Wert. Der Sinn der literarischen Kunst liegt in wegweisender Gestaltbildung und in wegweisender Traumdeutung beschlossen. Sie erzieht, indem sie vom bislang Unsagbaren Kunde bringt und damit unsere Einsicht in das Wesen des menschlichen Geistes vertieft. Was ergibt sich, wenn man das biographische Werk der Gegenwart — die wissenschaftliche Abhandlung scheidet um ihrer andersartigen Zielsetzung willen aus dieser Betrachtung aus — an dieser seiner künstlerischen Aufgabe mißt? Der Reiz aller Lebensgeschichte beruht auf der spezifischen Verket­tung von Mensch und Situation, so zwar, daß das Interesse mehr noch der stofflichen als der menschlichen Seite der Beziehung verbunden ist. Im reinen, will sagen: im frei ersonnenen Kunstwerk ist die Verknüpfung von Vorgang und Wesen, die ja darin einer nicht näher beschreibbaren Identität zustrebt, bei weitem eindringlicher und echter — nicht ohne daß sich freilich der Zauber des Zufälligen und gleichsam Unmotivierten, der dem historischen Ablauf seine besondere, mitreißende Spannung ver­leiht, dabei verflüchtigte. Der biographische Roman ist das belletristische Gegenstück zum Kommentar. Er verdeutlicht unüberschaubare Zusammen­hänge, er erklärt uneinsichtige Handlungen, er gibt unserer Phantasie verlorene Stoffe, verlorene Menschen zurück, indem er ihr Tun und Lassen unserem Verständnis, unseren Reaktionen angleicht. Er ist in der glücklichen Lage, seine unwahrscheinlichsten Voraussetzungen urkundlich verbürgen zu können, so daß wir in freudigem Verzicht auf die oft lästige Pflicht unserer anerzogenen Skepsis uns an seltsamer Einmaligkeit er­bauen und der Mannigfaltigkeit menschlichen Wesens inne werden können. Es eröffnet sich also ein Aufgabenkreis, der so umfassend und bedeutsam ist, daß er wohl nur verfehlt werden kann. Und gemeinhin auch von Grund auf verfehlt wird. Es geht mir jetzt nicht um Einseitigkeiten wie den Mißbrauch, der vielfach mit der Biographie als Geschichtsersatz getrieben wird. Es geht mir nur darum, die Mentalität zu umreißen, auf die die technisch ge­wandtesten ihrer Durchschnittsvertreter gestimmt sind, Werke, deren einzige Anziehung in der leichten Schwermut liegt, die alles Raschver­gängliche umwittert. Die selbstverständliche Neigung des Autors, die geistige und die ge­schichtliche Bedeutung seines Helden von jedem Schatten der Alltäglich­keit zu befreien, führt dazu, daß dieser Held von vornherein den Ereig­nissen gegenüber überdimensioniert erscheint. Das Geschehen legt sich wie ein wohlgefälteltes, aber nicht unbedingt notwendiges Kleid um die gigantische Statue, an deren Maßen man erst zu zweifeln beginnt, wenn sie zu sprechen anhebt. Der Autor kann sich das Spiel mit der unbe­

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