Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
GRUNEBAUM, G. E. von: Von Sinn und Widersinn der Biographie
438 G. E. von Grunebaum f Die islamische Theologie hat den Begriff der „hugga“ geprägt, des rechtfertigenden Präzedenzfalles nicht allein für die richterliche Entscheidung, sondern für die Führung eines Schicksals überhaupt. Man kann einen Menschen ohne Abstrich irgendwelcher Verfehlungen als „hugga“ bezeichnen, wenn Sinn, Gehalt und Form dessen, was ihm widerfahren, nachfolgenden Geschlechtern die unmittelbare Einsicht in das Gut oder Böse ihrer persönlichen Erfahrung ersetzt und ihnen Maßstab und Richtschnur des eigenen Verhaltens und Urteilens wird. Aus solcher Geisteshaltung und ihrem Niederschlag in schlicht und eintönig stilisierten Heiligenviten wird die schützend-erzieherische Mission der Kunst am einfachsten offenbar. Die großen Erlösungsreligionen schaffen legendäre Nebenwelten, aus deren unerschöpflicher Fülle an Figuren und Begebnissen die Menschen Normen und Ziele ihrer Verhaltungsweise abzunehmen haben. Dieser Bereich der Büßer und Heiligen, der frommen Tiere und wundertätigen Märtyrer, dieses Nebeneinander von bunten und dennoch typisch gemeinten Lebensläufen ist eben darum verpflichtend, weil man seine psychologischen Grundlagen bewußt verkennt und vergißt. Das frühe Christentum hat die Wirklichkeit seiner Gläubigen um die Sphäre des Heiligmäßigen bereichert, die Phantasie, die sich plötzlich von den Möglichkeiten der Mythologie ausgeschlossen fand, gewann zum Ersatz ein wo nicht weitläufigeres, so doch menschlich näheres Gebiet von unvergleichlich höherer Verbindlichkeit. Die für den einzelnen gar nicht mehr faßbare Erweiterung unseres Lebenskreises durch Entdeckung und Wissenschaft hat für das künstlerische Erleben durchaus keine analoge Entwicklung heraufgeführt. Mit leiser Übertreibung könnte man eher das Gegenteil verzeichnen. Jeder ausgefüllte weiße Fleck auf der Landkarte engt den Spielraum einer realistisch gewordenen Phantasie ein, und jede Tatsachenerkenntnis schnürt die Freiheit der Stoffgestaltung mehr und mehr ab. Wir wissen so viel, daß wir weder für Märchen noch für Mythos auf dieser Erde Platz behalten haben. Die Gegenwart ist zu erfüllt, zu gespannt, um normativ verdichtet zu werden. So wendet sich die Stoffsehnsucht rückwärts gegen die Vergangenheit. Und da die Zeit — entgegen ihrer landläufigen Selbstdeutung — schüchtern und ohne Selbstvertrauen ist, versagt sie sich freier Gestaltbildung, wo sie kann, und ergibt sich mit bemerkenswerter Begeisterung der Biographie in jeglicher Form. Dazu kommt noch eines. Wir leben in einer Epoche der Hemmungen. Die ungezügelte Schärfe, mit der sich mancherorts die Macht ihren Widersachern zu begegnen gewöhnt hat, steht als Wahrzeichen ihrer Unsicherheit im Verhältnis zu ihrem Mythos als ihrer geistigen Grundlage und entspricht durchaus dem kindlichen und krampfhaften Versuch, das eigene Dasein jenseits allen historischen Wissens und Empfindens zu verabsolutieren. So weist also auch die äußere Gegebenheit vielfach aus der Zeit heraus, zumal es jeglicher geistigen Richtung, die sich als neu erlebt