Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

GRUNEBAUM, G. E. von: Von Sinn und Widersinn der Biographie

Von Sinn und Widersinn der Biographie Von G. E. von Grunebaum t (Los Angeles) Die sonderbare Unsicherheit, die den Menschen bei allzu inniger Be­rührung mit dem eigenen Ich zu befallen pflegt, hat ihm stets eine ge­wisse Umwegigkeit bei der Annäherung an sich selbst ratsam erscheinen lassen. Es bedurfte des zwiefältigen, aus irdischer Angst und Sehnsucht geborenen Erlebnisses von des Gottessohnes Menschwerdung und Heilstat, um den Mut der Seele im Kampf um sich selbst durch das Wissen um die göttliche Anteilnahme an Sieg und Untergang zu kräftigen, um aus der Würde des vor ihren zagenden Augen durchlittenen messianischen Schicksals die Würde des eigenen, mit einem Mal unendlich, unsterblich gewordenen Daseins zu erfahren. Erst seit Menschenlos Gotteslos, Mensch­heitgeschichte Gottesgeschichte bedeutete, wagte es die Seele, sich zu der unaussprechlichen Wichtigkeit und Werthaltigkeit ihres karg bemessenen Wandels auf dieser Welt zu bekennen. Über das Fortwirken dieses neuen Wissens von der Größe des mensch­lichen Geschicks und der Erhabenheit seiner Aufgabe durch die Jahr­tausende hat aber nicht allein das Hochgefühl des neuerwachten Herzens bestimmt. Denn darüber, ob eine Erkenntnis oder eine unerprobte Form sittlicher Willensbildung sich durchzusetzen und auf die Länge zu be­haupten vermag, entscheidet weitgehend das im Anfang wenig augen­fällige Moment, ob die neuen Dogmen und Axiome sich als fähig er­weisen, Vorstellungen an sich zu ziehen und zu binden, ob sie mit ande­ren Worten Stoffträger sind, ob sie der Phantasie einen genügenden Boden bieten. Phantasie ist ein vieldeutiger Ausdruck für den subjektiven Variations­willen. Kein Leben erschöpft die inneren Möglichkeiten seines Gestalters und so ist jeder einzelne — und um wie viel mehr nicht das Menschen­geschlecht als ganzes — darauf angewiesen, nach einer Basis zu fahnden, auf der sich die traumnahen und unverlebten Geschöpfe seines Geistes und seines Herzens verwirklichen können. Und es geht hier nicht um ver­antwortungsloses Spiel allein und um unernst verwirrenden Zauber. Denn der Mensch ist gefährdet und schwach, und während er selig oder ver­zweifelt sein Leben lebt, sucht er unausgesetzt nach seiner Rechtfertigung. Es ist die apologetische Tendenz unseres Daseins, die uns die Beziehung zum Nicht-Ich, zum Fremden, zum Stoff aufnötigt.

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