Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
GASSER, Peter: Triest und Marseille. Merkantilmaritime Beziehungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
Triest und Marseille 273 als Gesandter in Paris wirkende Graf Florimund Mercy d’Argenteau die Weisung, diesbezügliche französische Vorschläge keinesfalls a priori zu verwerfen, aber auch seinerseits keine voreiligen Zugeständnisse zu machen. Zugleich wurde ihm aufgetragen, die Vorzüge Triests bei jeder Gelegenheit geschickt zur Geltung zu bringen. Unter diesen Voraussetzungen waren befriedigende Resultate wohl schwerlich zu erzielen. Diese hinhaltende Taktik Wiens mag in der Befürchtung, durch übereiltes Entgegenkommen eine Schwächung der Ausgangsposition bei allfälligen künftigen, umfassenderen Wirtschaftsverhandlungen in Kauf nehmen zu müssen, begründet gewesen sein. Antonio Rossetti Edler von Scander erwähnt 1775 in seinem Adelsgesuch unter den vielen Meriten auch die von ihm erstmalig von Triest angeknüpften merkantilen Beziehungen zu den Atlantikhäfen Frankreichs 8). Einen Überblick des über Triest mit Frankreich abgewickelten Verkehrs vermittelt u. a. eine im Jahre 1777 als Promemoria abgefaßte Studie, die den Gesamthandel der Erblande kritisch untersuchte 9). Demnach hatten im Jahre 1776 28 französische Schiffe, in der Mehrzahl aus Marseille, aber auch aus Bordeaux, La Rochelle, Nantes und Dieppe, Triest angelaufen und dort Zucker, Kaffee, Kakao, Tee, Weine, Honig, Mandeln, Kapern, geräucherte Heringe, Galläpfel und Feuersteine im Werte von 1,130.800 fl. abgeladen. Im selben Jahr segelten nur vier österreichische Schiffe nach Marseille und ein Fahrzeug nach Rouen. Die Exportgüter im Werte von 143.800 fl. bestanden aus Stahl, Kupfer, Sicheln, Sensen, Stricknadeln, Pottasche, Weinstein, Leinwand sowie Hasen- und Ochsenhäuten. Eindeutig war somit der österreichische Frankreichhandel passiv, wobei hier noch eine ganze Reihe französischer Modeartikel, die auf dem Landwege nach den Erblanden gelangten, unberücksichtigt bleiben. Die für 1776 angegebenen Zahlen stellen ohne Zweifel 8) AVA Adelsakt der Hofkanzlei: Rossetti 1775. — Rossetti, Großhändler, Reeder, Fabrikant, Grundbesitzer, Kunstmäzen, neben Domenico Francesco Belletti der dynamischeste unter den „börsenmäßigen“ Kaufleuten im Triest des ausgehenden 18. Jahrhunderts, hat sich um die merkantilmaritime Entwicklung des Litorale unbestreitbare Verdienste erworben. Ihm ist die erste dauerhafte Verbindung der Adriastadt mit Ägypten und der Levante zu verdanken. Seinen Kontakten mit der Bretagne und Normandie kam auch nicht annähernd eine ähnliche Bedeutung zu. Bescheidenheit zählte eben nicht zu den Stärken dieses außergewöhnlichen Mannes, der, von Maria Theresia am 18. März 1775 nobilitiert, hinsichtlich des Seeverkehrs mit England bombastisch von sich behaupten wird: „... Egli Rossetti sia stato il primo, il quale hä aperto a Trieste le Cateratte del Commercio attivo, e passivo con l’lngil- terra ...“. Ob durch diese von ihm geöffneten Schleusen der wechselseitige Warenstrom in der Tat so ergiebig floß, bleibt bei der zwischen dem Wirtschaftspotential des Inselreiches und der Monarchie bestehenden Diskrepanz, hier am Rande nur erwähnt, dahingestellt. 9) Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien (HHStA) österreichische Akten, Triest- Istrien 2 fol. 595—609. Mitteilungen, Band 25 18