Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky

GASSER, Peter: Triest und Marseille. Merkantilmaritime Beziehungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

274 Peter Gasser den optimalen Durchschnitt dar. Bestand doch in diesem Jahr noch zwi­schen Wien und Versailles eine Allianz, und schwerlich konnten daher französischerseits Schwierigkeiten zolltechnischer oder sonstiger Natur für das so unterschiedliche Handelsvolumen verantwortlich gemacht werden. Es lag sicherlich nicht etwa am Ungeschick der österreichischen Unter­händler in Paris, als vielmehr an der unentschlossenen Haltung der Wie­ner Stellen, wenn der zwischen Triest und Marseille geplante Sonder­vertrag nicht zustande kam. Die Gründe dafür, daß dieser zarte, kaum geknüpfte Faden nicht völlig abriß, vielmehr im letzten Dezennium des 18. Jahrhunderts noch verstärkt, wenn auch indirekt (d. h. nicht mit Mar­seille selbst, sondern mit emigrierten Marseillern) weitergesponnen wer­den konnte, sind sowohl auf die allgemeine merkantile Entwicklung in der Levante, als auch auf die innere Situation im Frankreich der Revolu­tion zurückzuführen. Seit dem Seicento hatten bereits Kaufleute aus Marseille den Vene­zianern ihre bisher dominierende Stellung im Levantehandel streitig ge­macht und, die günstigen politischen Beziehungen des Königreiches mit der Pforte ausnützend, Emporien in den Häfen Kleinasiens und im nahen Osten überhaupt errichtet. Das revolutionäre Frankreich hatte, zumindest im Mutterlande, die Basis dieser Handlung zerstört; was Wunder, wenn diese Händler, die nunmehr endlich auch von Österreich erkannte, wahre Aufgabe Triests ausnützend, nach bereitwilligster Leistung des Treueides, unter landesfürstlichem Schutze als kaiserliche Untertanen die Konkur­renz der Triestiner Griechen in Kauf nahmen und sich von dieser Adria­stadt aus im Levantehandel einschalten wollten. 1794 geschah in dieser Hinsicht manches. So berichtete am 19. Septem­ber aus Triest der Gouverneur Graf Pompeo Brigido dem Hofkammer­präsidenten Grafen Leopold Kolowrat, daß die „aus Marseille abgegan­genen Händler Delon, Fournier und Benausse“ in öffentlicher Versteige­rung um 4000 Gulden „ein auf 6000 Gulden geschätztes, nächst dem gro­ßen Kanal zur Handlung sehr vorteilhaft gelegenes Haus“ erworben hätten 10). Die Kaufleute — sie wollten u. a. auch eine Baumwollspinnerei einrichten — erbaten den landesfürstlichen Schutz, erklärten dabei, daß ihre in Frankreich zurückgelassenen „activa“ zur Befriedigung der dorti­gen Gläubiger völlig ausreichend wären, und sie nach „hergestellter Ord­nung und Ruhe das Haben und Geben“ in Marseille selbst „gehörig zu liquidieren“ bereit seien. Brigido befürwortete das Gesuch wärmstens. Unter Berufung auf das Patent vom 20. August d. J., mit welchem „wegen Sistierung aller wechselseitigen Zahlungen gegen Frankreich die Vorse­hung geschehen“, leitete die Hofkammer am 3. Oktober 1794 Brigidos Be­richt zur Stellungnahme an die Geheime Hof- und Staatskanzlei mit dem 10) HKA Lit. Kommerz 617/rot fol. 1035 rv.

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