Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 25. (1972) - Festschrift für Hanns Leo Mikoletzky
MOHR, Walter: Die Rolle Bayerns in der Komposition der Annales regni Francorum
132 Walter Mohr Im Bericht der Reichsannalen heißt es nun, Tassilo habe den Papst um Vermittlung ersucht, um die sich dieser sehr bemüht habe. Auch der König habe von seinen eigenen Friedensbemühungen seit langer Zeit gesprochen, doch als er dann den Frieden mit Tassilo abschließen wollte, versagten sich dessen Gesandte. Der Grund lag wohl darin, daß Karl einfach auf den Vasalleneid von 757 zurückgehen wollte, während Tassilo, als er die bayrische Gesandtschaft vor Beilegung der beneventanischen Angelegenheit abfertigte, wohl erhebliche Schwierigkeiten des Königs in Italien erwartet hatte, aus denen er mit Hilfe des Papstes entsprechende Vorteile zu ziehen hoffte. Jetzt, da die Lage sich völlig geändert hatte, reichten die Vollmachten seiner Gesandten nicht aus. Der Papst drohte ihm darauf den Bann an, falls er die früher geleisteten Eide nicht einhalten werde. In auffallender Weise schildern dann die Reichsannalen, wie er die Gesandten beschwor, ihren Herrn zum Nachgeben zu bewegen, und wie er darauf hinwies, der König werde ohne Schuld sein, wenn es darüber zu Blutvergießen käme. Solch starke Gewissensbeschwerden und eine vorherige Absolution für den König müssen ihre besonderen Gründe gehabt haben. Es müssen irgendwelche rechtlich gearteten Ansprüche Tassilos dem Vorgehen gegen ihn entgegengestanden haben. Sie können sich nur auf die Absprachen aus dem Jahre 769 beziehen. Das zeigt sich wohl auch darin, daß Karl nicht sofort handelte, sondern die Frage einer Reichsversammlung vorlegte, die nun ebenfalls nicht eine militärische Aktion beschloß, sondern zur Abfertigung einer Gesandtschaft riet. Diese Gesandtschaft berief sich auf zwei Faktoren: den Befehl des Papstes und die iustitia. Die iustitia war wohl durch die Reichsversammlung festgelegt worden, sie bezog sich nach dem Text der Reichsannalen nicht mehr auf die Eide von 757, sondern auf die im Jahre 781 auf Karl und seine Söhne geleisteten. Als es dann zur Auseinandersetzung kommen sollte, sah Tassilo, daß die Bayern ihm nicht folgen wollten; sie erkannten nach den Worten der Reichsannalen die iustitia des Königs an. Er hat darauf Geiseln gestellt, den Treueid erneuert und sein Herzogtum als Vasall zurückerhalten. Von einer Einwirkung der Haltung des Papstes, insbesondere der Androhung des Bannes, die andere Quellen sogar als ausschlaggebend für die Unterwerfung anführen 25 *), sagen die Reichsannalen nichts. Der Ausgang erscheint dadurch bei ihnen ausschließlich als eine Wirkung des Rechts Karls auf die Gesinnung in Bayern. 25) Vgl. Abel Jbb 1, 599. Herwig Wolfram Das Fürstentum Tassilos III. in Mitt. d. Ges. f. Salzburger Landesk. 108 (1968) 169 spricht auf Grund einer irrigen Übersetzung der Reichsannalen von einem Bruch der Verhandlungen durch Karl, worauf auch einige weitere seiner Schlußfolgerungen beruhen.