Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg

498 Literaturberichte die Balkanpolitik der beiden Mittelmächte in den ersten Kriegsjahren und berührt Themen wie das Verhältnis zu Italien bis zu dessen Kriegs­eintritt, die Polenfrage usw. überhaupt nicht. Zunächst werden die Bemühungen um das Bündnis mit Bulgarien und der Türkei untersucht und die verschiedenen Positionen Berlins und Wiens schon in den vorbereitenden Phasen festgehalten. Schon aus dem Werk Fischers geht hervor, daß Österreich-Ungarn eine dominante Rolle spielte. Obwohl Deutschland energischer vorging, war die Donaumonarchie diplo­matisch überlegen, weil ihre Diplomaten den klareren Blick besaßen. Die Disparität zwischen den beiden Kaiserreichen zeigt sich besonders auch im Verhältnis zu Rumänien. S. weist dabei auf die Rolle des Grafen Tisza hin, der hier viel Verantwortung für die wenig elastische Haltung der Donaumonarchie trägt. Sehr störend auf das Bündnisverhältnis wirk­ten sich auch die verschiedenen strategischen Konzepte der beiden Ober­kommanden und Generalstäbe aus. Die Arbeit dürfte schon längere Zeit vor der Publikation abgeschlos­sen gewesen sein, was ihr natürlich nicht nützte. Damit sind auch einige Lücken in der jüngsten Literatur zu erklären. Im wesentlichen mangelte ihr jedoch ein hinreichender thematischer Rahmen; eine gediegene Lei­stung an falscher Stelle. Etwas abseits von den großen Streitfragen bewegt sich die Studie Z e c h 1 i n s. Der Hamburger Kollege Fischers, der keineswegs dessen Anschauungen teilt, was hier übrigens nur gelegentlich zum Ausdruck kommt, hat als Nebenprodukt zu seinen Studien über die deutsche Politik im Ersten Weltkrieg in Richtung der Aufwiegelung von Minderheiten usw. in den feindlichen Ländern eine sehr umfangreiche, gründliche und umfassende Untersuchung über das Verhältnis der Deutschen zu den Ju­den und darüber hinaus über die jüdische Frage im Ersten Weltkrieg vorgelegt. Neben bisher unbeachteten deutschen Akten konnte Z. auch englisches Material benützen. Das Werk stellt ideell einen Versuch dar, die jüdische Geschichte in die deutsche einzubeziehen. Sie hat nach den entsetzlichen Geschehnissen der jüngeren Vergangenheit auch eine, wie uns scheint, sehr legitime pädagogische Zielsetzung. Einleitend greift Z. weit zurück über das Judentum in Deutschland im 19. Jahrhundert. Ein Integrationsprozeß, der freilich heute aus der Sicht der Staatswerdung Israels nicht gebilligt wird, aber historisch feststeht, hat am Beginn des 20. Jahrhunderts weite Fortschritte erzielt. Jedenfalls hatten sich laut Z. die Juden in Deutschland, unbeschadet ihrer jüdischen Überzeugung, 1914 bereits weitgehend assimiliert. Diesem Prozeß setzten sich allerdings zunehmende Widerstände entgegen. Z. analysiert die ver­schiedenen Elemente der deutschen Judenfeindlichkeit und zeichnet die Linien von der christlichen Staatsideologie zum ökonomischen Antisemi­tismus, vom konfessionellen zum Rassenhaß; dabei wäre vielleicht gerade der österreichische Anteil an dieser geistigen Seuche noch mehr hervor­zuheben gewesen. Die Hauptträger der Judenfeindschaft waren die all­deutschen Kreise, die wichtigste Etappe bildeten die Wahlen von 1912. Von einer anderen Seite her kommt Z. wie Fischer zu dem Ergebnis, daß der Sieg der Linken die deutsche Reaktion aufgestachelt hat.

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