Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)
NECK, Rudolf: Sammelreferat. Erster Weltkrieg
Sammelreferate 499 Auch der Zionismus hat in Deutschland eine weit zurückgehende Tradition. Dennoch war die Mehrheit der Juden bereits in Deutschland verwurzelt. Sie teilte die patriotische Begeisterung, wohl z. T. auch in der Hoffnung auf völlige Gleichberechtigung. Ebenso mag die Feindschaft gegen das zaristische Rußland mit seinen Pogromen beigetragen haben. Welcher Überspitzungen auch die Juden fähig waren, beweist der alberne deutsche „Haßgesang gegen England“, der aus jüdischer Feder geflossen ist; zahllose weitere Beispiele ließen sich bei Karl Kraus nachweisen. Durch den Krieg kam die deutsche Politik unmittelbar mit dem Problem der Ostjuden in Kontakt. Hier lassen sich verschiedene Tendenzen feststellen, besonders die Bestrebungen auf Revolutionierung der Minderheiten. Freilich waren die Chancen angesichts der brutalen russischen Unterdrückungspolitik von Anfang an gering. Die deutschen Pläne gingen zunächst von den Zentralstellen im Reich aus, wozu von jüdischer Seite verschiedene Organisationen mit ihren differenzierten Programmen, zionistischen und nicht-zionistischen, traten. Widersprüchlich war das Verhältnis der Deutschen zu den Ostjuden, ebenso aber auch der alteingesessenen deutschen Juden zu den aus dem Osten kommenden Glaubensbrüdern, wie es sich etwa in der Frage der Grenzsperre in den letzten Kriegsjahren zeigte. Nach dem Vormarsch im Osten beschäftigt sich der Vf. vor allem mit der deutschen Besatzungspolitik, mit einem Seitenblick auch auf die entsprechenden Maßnahmen und Planungen Österreich-Ungarns. Die Möglichkeit eines Sonderfriedens mit Rußland hinderte die Deutschen, in der Frage der Autonomie den Juden entgegenzukommen; später waren es Rücksichten auf die polnische Politik. Überhaupt wurde von den Mittelmächten keine klare Linie erarbeitet. Die jüdischen Komitees genossen weitgehendes Wohlwollen, doch gelang nirgends ein entscheidender Durchbruch. So verscherzten sich die Deutschen endlich die jüdischen Sympathien. Sonderfälle in der deutschen Besatzungspolitik im Osten bildeten Litauen und die Ukraine; hier gab es scheinbar echte Lösungen, die allerdings infolge des historischen Verlaufs nur von kurzer Dauer waren. Sie änderten nichts am Gesamtbild. Besonders kraß wirkte auf die Juden die Untätigkeit der deutschen Stellen in Rumänien. Hier konnten erst in den Friedensverträgen die westlichen Alliierten von ihrem rumänischen Verbündeten wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Lage der Juden erzwingen. Die politische Konzeptlosigkeit der deutschen Politik zeigt sich auch gegenüber dem Zionismus und seinen Aktionen in Palästina. Die offizielle Politik setzte sich aus Rücksicht auf den türkischen Verbündeten nur sehr vorsichtig für den Schutz der Juden ein. Auf lange Sicht war von den offiziellen Stellen nichts Handfestes zu erreichen. Auch hier wieder sind nicht verantwortliche Gruppen im deutschen öffentlichen Leben federführend, und die Entente konnte den Deutschen schließlich den Rang ablaufen. Freilich war, wie Z. nachweist, die Balfour-Deklaration ein Kampfmittel und nicht ein Kriegsziel, angewendet ohne Rücksicht auf die 32*