Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver

Das Credo der Wissenschaft 469 Ohne auf die wesentlichen Punkte der hier berührten moralischen und wissenschaftlichen Streitfragen einzugehen, ist es vielleicht nicht übertrieben zu behaupten, daß angesichts der zunehmenden Sorge über die Einwirkung des Menschen auf seine natürliche Umgebung und die sehr greifbare Möglichkeit seiner Selbstvernichtung die bisher unbekann­ten Briefe einiger bahnbrechenden Forscher des 20. Jahrhunderts unge­wöhnlich interessant erscheinen. Schon auf den ersten Blick wird offenbar, daß viele der größten Gelehr­ten des 20. Jahrhunderts an die entscheidendsten Fragen des menschlichen Lebens und der Gesellschaft sehr bescheiden herangehen. In seinem Brief vom 2. April 1927 läßt Max Planck keinen Zweifel daran, „daß ich die Pflege der religiösen Gesinnung als eine der wesentlichsten, wenn nicht als die wesentlichste Aufgabe einer wahrhaften und echten Kultur betrachte, und daß ich weiter der Ansicht bin, daß in der Gegenwart die intel- lectuellen Güter gegenüber den ethischen Gütern viel zu hoch eingeschätzt wer­den.“ Der Begründer der Quantentheorie zog es aber vor, wie dies im Schlußsatz seines zitierten Schreibens ausgedrückt wird, „mit meinen An­sichten hierüber nicht an die Öffentlichkeit zu treten“, da ihn „vielfache Erfahrung“ zu der Einsicht führte, „daß mit öffentlichen Kundgebungen hier nichts zu erreichen ist, daß viel­mehr die erziehende Arbeit von unten, nicht von oben her einsetzen muß. Wenn ein jeder Einzelne an dem Platz, auf dem er steht, seine Pflicht nach besten Kräften erfüllt, dann nützt er der Gesamtheit besser als auf irgend eine andere Weise“ 2). Max Plancks Brief, eine seltene Offenbarung seiner persönlichen Lebensphilosophie, gehört zu einer Korrespondenz, die in der Bibliothek der Universität Denver (Colorado, USA) aufbewahrt wird und für For­scher der Ideengeschichte von besonderem Interesse ist. Ohne das Gesamt­werk ihrer Verfasser zu berücksichtigen, wäre natürlich der Versuch an­maßend, aufgrund einzelner Briefe höchst komplizierte Probleme und Persönlichkeiten auslegen zu wollen. Die endgültige Beurteilung des Materials wird schließlich die Aufgabe von Biographen und Historikern der Naturwissenschaften sein müssen. Für die zukünftige Quellenfor­schung mag es jedoch nützlich sein, einige Worte über die Entstehung und * 2 loquien diskutiert, die im Frühling des Jahres 1966 bzw. 1968 an der Universität Denver stattfanden. Vgl. Wolfgang Yourgrau und Allen D. B r e c k (Hg.) Physics, Logic, and History (New York—London 1970) und Biology, History, and Natural Philosophy (New York—London 1972). 2) Max Planck an Milton M. Schayer, 1927 April 2. Alle in diesem Aufsatz zitierten Briefe befinden sich in der Bibliothek der Universität Denver. Der Originaltext des Max Planck-Briefes ist deutsch; Facsimile in Mitteilungen aus der Max-Planck-Gesellschaft 1971/1, 4—5. — Soferne zu den folgenden Zitaten die Sprache nicht eigens vermerkt wird, handelt es sich um englische Original­texte.

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