Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

BÁRÁNY, George: Das Credo der Wissenschaft. Unveröffentlichte Gelehrtenbriefe des 20. Jahrhunderts in der Universitätsbibliothek Denver

470 George Bárány das internationale Echo des Korrespondenzbestandes zu sagen, dem die nachfolgend bearbeiteten Briefe angehören 3). Die Person, an die die Briefe gerichtet waren und der wir für die Erhaltung einiger interessanter Einsichten in das Denken manch eines be­rühmten Naturwissenschaftlers und Gelehrten im frühen 20. Jahrhundert Dank schulden, war ein Geschäftsmann aus Denver, Milton Mincha Schayer (1876—1935). Von deutsch-jüdischer Abstammung (sein Vater, der 1865 nach New York kam, stammte aus Kempen, Preußen, seine Mutter aus dem gleichen Gebiet) wurde er in Denver, Colorado, gerade in dem Jahre geboren, in dem das frühere ,Gebiet1 („territory“) der ,Staat des hundert­jährigen Jubiläums1 („centennial state“) der Union wurde4). Die Lauf­bahn Milton Schayers erinnert uns in manchen Punkten an eine typisch amerikanische Karriere. Er war zehn Jahre alt, als seine Eltern nach Galveston in Texas gingen; zuerst arbeitete er als Botenjunge bei der Galveston Fruit Company. In wenigen Jahren war er Leiter der Zucker­warenabteilung der Company; ungefähr zur gleichen Zeit begann er als Buchhändler. Nach der Jahrhundertwende, als die Familie infolge der verheerenden Flut, die Galveston 1900 heimsuchte, gezwungen war, eine Umstellung ihrer geschäftlichen Tätigkeit in Erwägung zu ziehen, kehrte er nach Denver zurück und trat in das Bankgeschäft ein. Zuerst Verkaufs­direktor für die Midland Savings- and Loan Company (Spar- und Dar­lehens-Gesellschaft), wurde er 1920 Gründer, erster Präsident und Schatz­meister von The Bankers Building and Loan Association 5 6). Neben seiner Mitarbeit in vielen bürgerlichen und religiösen Organi­sationen war er Direktor der Handelskammer der Stadt Denver, die ihn für seine vielen Verdienste mit einem Pokal ehrte und 1925 zu „Denver’s most useful citizen11 ernannte. Gerade als erfolgreicher Geschäftsmann fühlte sich Milton Schayer verpflichtet, das Geistesleben zu fördern. Wie einige der aristokratischen Staatsdiener eines in Europa (nicht aber in Amerika) untergegangenen Jahrhunderts hielt er daran fest, daß „Reich­tum Verantwortung auferlege11 6). Außer seiner führenden Rolle in vielen kommerziellen Vereinigungen erlangte er den höchsten Grad der Frei­maurerei, war Mitglied des Denver Presseclubs und der Philosophischen Gesellschaft. Er war einer der ersten Rundfunkredner in Colorado und 3) An dieser Stelle möchte ich meinen Dank an Herrn und Frau Charles M. Schayer, die die Briefsammlung der Universität Denver schenkten, an Frau David Y. Hurwitz, Mitglied des Universitätskuratoriums, und an Fräulein Jane Gould, Archivar an der Universitätsbibliothek, für ihre liebenswürdige Assistenz aussprechen. 4) Ida Libert U c h i 11 Pioneers, Peddlers and Tsadikim (Denver 1957) 71. 3) History of Colorado, hg. von der State Historical and Natural History Society of Colorado, 5 (Denver 1927) 392. 6) Milton Schayer Things to Think About in Intermountain Jewish News (von nun an zitiert als UN) 1927 März 3.

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