Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 467 Urteil erscheint fraglos ungerecht, wenn man Coolidges Berichte kennt, die sich durch hohe Objektivität und Akkuratesse auszeichneten und durchaus gegenwartsbezogen waren. Aber Bonsai zufolge hatte ja auch Coolidge Beschwerden vorzubringen: Coolidge „says, in his indignation, that a letter to Santa Claus has a better chance of being answered than an inquiry sent to the delegation“ 142). Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die nähere Beleuchtung einer amerikanischen „Field Mission“ deutlich gewisse Diskrepanzen zeigt, die ein sehr erhellendes Licht auf die Pariser Konferenz werfen. Während die Berichte der Beobachtungsmissionen den Versuch darstellen, anstehende Fragen mit äußerster Objektivität zu beantworten und — zum anderen — nicht selten in der einen oder anderen Richtung so beeinflußt waren, daß von hundertprozentiger Objektivität nicht mehr die Rede sein kann, zeigen die Beratungen der Konferenz selbst, daß die Objektivi­tät — und wäre sie auch nur scheinbar — durch die Interessen der Hauptmächte quasi gebrochen wurde. Bei unbefangener Betrachtung kann es natürlich nicht wundernehmen, daß ein auf einem Schema idealer Lösungsvorschläge basierendes „Maximalprogramm“, wie es die Noten Coolidges darstellen, in Paris an vielen Punkten adaptiert und modifi­ziert werden mußte. Die „Objektivität“ der Berichte Coolidges orien­tierte sich wohl an einem anderen Katalog von Kriterien als Paris selbst, wo verschiedenartigste, oft völlig divergente Strömungen in Form von Kompromissen gelöst werden mußten; das vielzitierte Selbstbestimmungs­recht war dabei relativ fast am bedeutungslosesten. Darüber hinaus waren die „Field Missions“ gleichsam nur als zusätzlicher Informationslieferant betrachtet worden, dessen Berichte allenfalls — wo überhaupt nötig — korrektiv und additiv verwendet wurden; Grundlagen politischer Ent­scheidungen wurden dadurch nicht betroffen. Wenn also in der öster­reichischen Geschichtsschreibung die Coolidge-Mission bislang immer in so krasser Weise besser auf scheint als die Pariser Friedenskonferenz, dann beruht dies möglicherweise auf einer ungenügenden Integration zweier Faktoren, die im Grunde untrennbar sind: Einerseits konnten im theore­tischen Bereich auf dem Papier Lösungsvorschläge angeboten werden, die jedoch andererseits im Bereich der praktischen Politik der Realisierung bedurften. Es handelt sich lediglich um zwei Aspekte ein und derselben Sache. Die Diskrepanz zwischen der „österreich-freundlichen Coolidge- Mission“ — sie hatte sich ja im Kärntner Fall pro-österreichisch gezeigt! — und der „österreich-feindlichen Konferenz“ —- verantwortlich für das angebliche „Diktat von St. Germain“ — ist nur scheinbar. s a 1 Business 90. Es handelt sich um eine Tagebuchstelle Bonsais, die mit 1919 April 9 datiert ist und verfaßt worden sein muß, als Bonsai Teilnehmer der Smuts-Mission nach Budapest war (Bonsai selbst allerdings kam gar nicht bis Budapest). M2) Ebenda. 30*

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