Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

466 Georg E. Schmid Verhandlungen in Paris verschoben. Die Einsetzung Halsteads und Ablö­sung Coolidges dokumentiert, daß sich die Verhältnisse wieder zu nor­malisieren begannen, sie markiert den Wendepunkt vom Zwischenspiel der Beobachtung und Berichterstattung zur Lösung der aufgespürten und aufgezeigten Probleme. Coolidge selbst hatte feinen Instinkt bewiesen, als er selbst um seine Ablösung ersuchte, indem er offenbar das Gefühl hatte, daß in Paris Dinge geschahen, an denen er selbst teilnehmen wollte. Schon am 27. April wurde ein Schreiben an die amerikanischen Hauptbevollmächtigten gerichtet, in dem auf einen Brief Coolidges hin­gewiesen wurde, der seinen Wunsch nach Ablösung beinhaltete 135), und am 2. Mai telegraphierte Lansing nach Washington, daß Coolidge den Wunsch geäußert habe, abgelöst zu werden, da er von Anfang an der Auffassung gewesen wäre, seine Mission sei nur temporär136). Hatte Lansing als Ersatz für Coolidge Generalkonsul Coffin vorgeschlagen, schlug Polk in seiner Antwort Halstead vor, der damals Generalkonsul in Stockholm war137). Am 15. Mai wurde letzterer dann beauftragt, nach Wien zu reisen, um Coolidge abzulösen138). Der Wissenschaftler Coolidge wurde also durch den Berufsdiplomaten Halstead ersetzt — bereits am Personellen zeigt sich die Veränderung der Umstände. Coolidge wurde ebenfalls alsbald davon in Kenntnis gesetzt, daß er abgelöst wer­den würde und seine Mission auf lösen solle 139). In Paris kam dann Coolidge sicherlich nicht mehr Einfluß zu, als er durch seine Mission besessen hatte, und man kann den Schluß wagen, daß er sich dessen durchaus bewußt war, während umgekehrt die in mehr oder minder untergeordneten Positionen tätigen Berater meist eine enorme Selbstüberschätzung ihrer Kenntnisse und ihres Einflusses zei­gen 14°). In der American Commission to Negotiate Peace erfreute sich Coolidge nicht gerade des besten Rufs, in Paris kursierte angeblich die Meinung, daß „if you ask Coolidge for facts to aid in an appreciation of an actual situation, he replies with a learned disquisition on the Prag­matic Sanction, __he is living in the eighteenth century“141). Dieses 1 35) The Office of the Secretary General of the Commission to Negotiate Peace to the Commissioners Plenipotentiary, Paris, 1919 April 27: FR PPC 12, 524—525. 136) The Commission to Negotiate Peace to the Acting Secretary of State: FR 1919 (2 Bde, Washington 1934) 1, 187. >37) The Acting Secretary of State to the Commission to Negotiate Peace, 1919 Mai 7: ebenda. 138) The Acting Secretary of State to the Consul General at Stockholm (Halstead): ebenda 188. 139) vgi. die beiden Schreiben von 1919 Mai 16 bzw. 21 von der Commission to Negotiate Peace an Coolidge: FR PPC 12, 525—526 und 526. Ebenda 527 das Dankschreiben der Kommission an Coolidge. >40) Sehr typisch hiefür ist: Harold Nicolson Peacemaking 1919 (London 1964). >4>) Einem Zeugnis Stephen Bonsais, des Vertrauten Houses, zufolge: Bon-

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