Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

Die Coolidge-Mission in Österreich 1919 465 spät, um überhaupt noch berücksichtigt werden zu können * 130 * * 133). Während man in Paris grundsätzlich dahin tendierte, die Brennergrenze zu gewäh­ren — tatsächlich gehen die Wurzeln dieser Lösung amerikanischerseits schon auf das Cobb-Lippmann-Memorandum zurück 1S1) —, sprach sich Coolidge wiederholt, teilweise wohl auch unter Wiener Einfluß, für die Sprachgrenze als italienisch-österreichische Grenze aus. Im Falle des Burgenlandes andererseits scheint es, daß Coolidge- Berichte die Haltung Wilsons und der US-Delegation beeinflußt haben. Am 8. Mai 1919 wurde die ungarisch-österreichische Grenze erstmals im Außenministerrat diskutiert, wobei beschlossen wurde, daß „no action would be taken unless the question were to be raised by Austria or Hungary“ 1S2). Als der Zehnerrat dasselbe Thema vier Tage später erneut aufgriff, war es Wilson, der sich mit einer Perpetuierung der Grenze von 1867 nicht zufriedengeben wollte, da „he was informed that the Austrians would raise the question, and that the Allied and Associated Powers would be called upon to decide it“ 183). Man wird diese Haltung Wilsons im Zusammenhang mit den Berichten Coolidges sehen müssen, in denen auf die österreichischen Ansprüche auf West-Ungarn hingewiesen wurde 133a). Mitte Mai wurde Coolidge in Wien abgelöst und begab sich nach Paris, wo er Delegierter der Zentralen Territorialkommission, der Kom­mission für Tschechoslowakische Angelegenheiten und jenes Komitees wurde, das die österreichischen Noten begutachtete134). In Wien wurde er von Albert Halstead abgelöst, doch trug die Halstead-Mission bereits gänzlich andere Züge als die von Coolidge. War diese noch eine rein beobachtende gewesen, so kann jene bereits fast schon als quasi-diploma­tische bezeichnet werden. Wohl sandte auch Halstead noch Berichte nach Paris, doch hatte sich der Schwerpunkt eindeutig auf die schriftlichen so-called Pact of London ..aus: Memorandum Concerning the Question of Italian Claims on the Adriatic, bei Ray Stannard Baker (Hg.) Woodrow Wil­son and the World Settlement (3 Bde, Garden City 1922) 2, 274—277, Zitat 275. Vgl. auch das Sitzungsprotokoll des Viererrats 1919 Mai 29: FR PPC 6, 105. 130) während Coolidges Berichte Paris frühestens Jänner/Feber erreichen konnte, fand die Unterredung Wilson-—di Cellere (vgl. Anm. 129) bereits Ende 1918 statt. isi) Rudin Armistice 412—421. Das Cobb-Lippmann-Memorandum sprach in vorsichtigen Worten von der Tragbarkeit der Abtretung Südtirols an Italien. iss) FR PPC 4, 675. Vor allem auch Hanns Haas Anmerkungen zur Burgen­landfrage auf der Pariser Friedenskonferenz in Burgenländische Heimatblätter 33 (1971) 97—108. 133) Sitzung des Zehnerrats 1919 Mai 12: FR PPC 4, 504. i33a) vgl. vor allem den Bericht von 1919 Jänner 29: FR PPC 12, 387—388; weiters den Bericht von März 3 mit Lawrence Martins Empfehlungen zur un­garisch-österreichischen Grenze, ebenda 264 und 264—271; auch die Berichte von Mai 2 (ebenda 310—311) und Februar 17 (ebenda 393—394). 134) p e r m a n Czechoslovak State 203. Mitteilungen, Band 24 30

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