Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 24. (1971)

SCHMID, Georg E.: Die Coolidge-Mission in Österreich 1919. Zur Österreichpolitik der USA während der Pariser Friedenskonferenz

464 Georg E. Schmid Die Einstellung der Experten bedeutete natürlich noch keine endgül­tige Entscheidung, aber kombiniert mit dem italienischen Interesse einer möglichst weitgehenden Schwächung des neuen südslawischen Staates war damit schon ein sehr starker Akzent gesetzt. Wilsons Äußerungen über die Kärntner Frage illustrieren dann übrigens, daß er offenbar genau über die Bereisung der betreffenden Gebiete unterrichtet war und die Empfehlungen Miles’, Martins und Kings kannte. Im Viererrat führte Wilson u. a. aus, daß „the interests of the Wends were with the Austrians. He did not mind if the Valley went to Austria if it was given by votes of the Slavs. The United States' experts who had travelled through the region had found that the people were, on the whole, desirous of remaining as a unit and part of Austria" ,27). Die Konferenzprotokolle lassen im übrigen auch den Schluß zu, daß die Kämpfe in Kärnten auf die Grenzziehung als solche kaum Einfluß hatten, die Kärntner Frage hatte vielmehr schon vor der Konferenz zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten geführt, sodaß nicht einmal der Bericht des „Committee on Jugo-Slav Affairs“ zu einem einhelligen Ur­teil gelangt war* l28), diese Frage daher schon lange äußerst kontrovers gewesen und somit im Brennpunkt des Interesses der betroffenen Kommis­sionäre gestanden war. Grundsätzlich muß allerdings angemerkt werden, daß die Berichte der Missionen im Ausland und der Kommissionäre in Paris nur dann Gewicht hatten, wenn sie sich nicht im Widerspruch zum Interesse einer Konfe­renzhauptmacht befanden. Im Falle Südtirols etwa, der auf der Konfe­renz selbst gar nicht mehr eigentlich diskutiert wurde, in dem bereits um die Jahreswende 1918/19 feststand, daß die Brennergrenze eingerichtet werden würde, hatten die (pro-österreichischen) Berichte Coolidges keinen Einfluß ,29). Im übrigen kamen diese Stellungnahmen für Wilson viel zu Mai 27: Almond-Lutz St. Germain 505—508; auch Wambaugh Plebis­cites 1, 174. 127) Sitzung 1919 Juni 2: FR PPC 6, 138. 128) Report to the Council of Foreign Ministers by the Committee on Jugo­slav Affairs, 1919 Mai 10: FR PPC 4, 701—703. i2») Soweit wir heute sehen, scheint die Abtretung Südtirols an Italien be­reits vor Beginn der Konferenz festgestanden zu sein. Hiefür gibt es zahlreiche Indizien. Vgl. etwa M a m a t e y US and East Central Europe 369—371, der von einer Unterredung zwischen Wilson und Macchi di Cellere berichtet, im Verlaufe derer Botschafter Cellere den Eindruck gewann, Wilson würde während der Konferenz nicht gegen die italienischen Ansprüche Vorgehen. Ähnliches ergab sich während einer Unterredung am 30. Jänner 1919, die zwischen Wilson, House, Orlando und Scialoja geführt wurde. Hiezu René Albrecht-Carrie Italy at the Paris Peace Conference (Hamden, Conn. 1966) 104. Wilson wurde noch deutlicher in seinem bekannten „Statement re Adriatic" vom 14. April 1919, in dem es u. a. hieß: „Personally I am quite willing that Italy should be accorded the whole length of her northern frontier and wherever she comes into contact with Austrian territory all that was accorded to her in the

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